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Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich besucht die Gemeinde Beselich und das Unternehmen BSS Group GmbH im Landkreis Limburg-Weilburg

„Innovation und Know-how sind unser Kapital in Mittelhessen, wir reden nur zu wenig darüber“

Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich besucht die Gemeinde Beselich und das Unternehmen BSS Group GmbH im Landkreis Limburg-Weilburg

Gießen. „Das, was wir machen, bieten nicht allzu viele in Europa an.“ Christian Brötz ist als Teenager noch mit dem Mofa und Anhänger zu Jugendzentren gefahren und hat für die Disco gesorgt. Damals war er als Schüler bereits Firmengründer, wenn auch im Kleinen, mit einem Faible für Veranstaltungstechnik. Heute ist die BSS Group GmbH ein Bigplayer in seiner Branche „für alles, was temporär auf der Wiese passiert“, wie der Geschäftsführer ein wenig tief stapelnd erklärt. Der Jahresumsatz betrug im Vorjahr immerhin fast 45 Millionen Euro. Genau solche Unternehmen besucht Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich am liebsten, um für mehr Selbstbewusstsein in der Region zu werben: „Innovation und Know-how sind unser Kapital in Mittelhessen, wir reden nur zu wenig darüber.“ Der Rundgang findet während der Gemeindebereisung statt, die diesmal nach Beselich im Landkreis Limburg-Weilburg führte.

Alles, was „auf der Wiese passiert“, ist im Fall der BSS Group untertrieben. Das Unternehmen errichtet mit seinen 30 Beschäftigten und rund 50 Freelancern nicht nur in zwölf Tagen eine Flüchtlingsunterunterkunft für 1000 Personen in einem Hangar auf dem früheren Flughafen Tempelhof, vom ersten Anruf bis zur Übergabe. Alleine dafür waren 165 Sattelzüge unterwegs, brauchte es 2000 Tonnen Material, 281 Container auf 10.000 Quadratmeter Fläche und 16 Kilometer Kabel. Die Firma sorgt auch für die Unterbringung von 2500 Soldaten bei einer Nato-Übung in Litauen – schlüsselfertig: von der Leichtbauhalle, Betten über Küchen bis Strom. Und wenn Kerosin für die Jets fehlt, wird auch das organisiert und in Sattelzügen geliefert. Aktuell hat es im Berliner Hauptbahnhof den 21 Meter hohen Weihnachtsbaum aufgestellt sowie außen den Leuchtkranz mit seinen neun Metern Durchmesser und 1,5 Tonnen Gewicht an der Uhr aufgehängt.

Überall, wo etwas temporär gebraucht wird, fühlt sich das Unternehmen Zuhause, am liebsten, wenn es dazu auch noch schnell gehen muss. „Unser Rezept ist Geschwindigkeit plus Zuverlässigkeit“, beschreibt Christian Brötz den Full-Service-Dienstleister. „Wenn Druck im Kessel ist, gibt es nicht viele, die das machen können.“
Veranstaltungen, von der Beschallung für bis zu 150.000 Festivalgäste über gigantische LED-Leinwände bis zur kompletten Stromversorgung, Messebau, Vertrieb und Verleih von technischen Systemen, Agentur, komplette Planungen sind nur einige Stichworte, um das zu beschreiben, was das Unternehmen in den vergangenen 24 Jahren hat wachsen lassen. „Wird etwas für 2000 Mann gebraucht, dann können wir das in zwei Tagen liefern.“ Voraussetzung dafür sei ein gutes Netzwerk.

Das funktionale Gebäude im Gewerbegebiet an der B49 in Beselich steht unauffällig ohne große Neonwerbung hinter einer Burgerkette. Die Führung durch die Lagerhalle in der Zentrale zeigt in den Hochregalen viele Lücken. „Die Saison geht normalerweise von Ostern bis Oktober.“ Wie beim Reifenwechsel. Diesmal ist aber bis Weihnachten viel Material unterwegs. „Das ist gut so, denn das heißt, dass es im Einsatz ist“, erklärt Christian Brötz beim Rundgang mit RP Ullrich sowie Beselichs Bürgermeister Michael Franz, Lars Wittmaack (Geschäftsführer Wirtschaftsförderung Limburg-Weilburg-Diez) und Andreas Leber (Erster Beigeordneter). Über 2500 Regalstellplätze verfügt die BSS Group und über 10.000 Quadratmeter Außenlagerfläche. 1000 Wohncontainer stehen alleine im Lager in Berlin. Seit 2020 gibt es auch einen Standort an der Frankfurter Börse und der IHK Frankfurt.

Begeisterung und Leidenschaft waren auch hier die Motivatoren, wie bei den meisten erfolgreichen Projekten. Zwischen dem 15-jährigen Mofafahrer und heutigen Geschäftsführer war eine Ausbildung zum Bankkaufmann und ein BWL-Studium. Ein potenzieller Arbeitgeber macht ihm dann aber deutlich: ein Nebenjob ist unerwünscht. Das ist der Zeitpunkt, als sich Christian Brötz für die Veranstaltungstechnik und gegen die lukrative Stelle entscheidet. 2001 startet Christian Brötz in Hadamar mit seinem Freund Markus Schlimm durch.

„Seit 2016 hat das dann richtig Fahrt aufgenommen“, berichtet Christian Brötz. Die Bilanz vom Vorjahr: 500 Projekte umgesetzt mit 1,2 Millionen Besucherinnen und Besuchern. Frühere Aufträge zeigen das gesamte Portfolio. Darunter sind die Darts Open auf dem Münchner Olympiagelände genauso wie die Hessentags-Arena in Pfungstadt, das Oktoberfest Hunsrück, eine Pressekonferenz zum 5G-Netzstart eines Mobilfunkanbieters, das Elektromusikfestival Nature One mit über 60.000 Ravern, Corona-Testcenter, ein zu seiner Zeit größter Messestand oder auch ein Showtruck. Sein technischer Stolz ist die Schlittschuhbahn vor dem Wiesbadener Landtag, das gerade abgebaut wird. Die Plattform darunter besteht aus dutzenden Podesten. Und jede muss einzeln ausgerichtet werden. Die Herausforderung dabei: „Auf dem Platz gibt es von einem Bahnende zum anderen ein Gefälle von ein Meter dreißig. Das muss ausgeglichen werden und zwar mit einer Toleranz von nur einem Zentimeter.“ Dazu braucht es drei Dinge: Erfahrung, Erfahrung und noch mal Erfahrung.

„Wir haben gleich erkannt, dass wir viele Parallelen haben“, erinnert sich Bürgermeister Michael Franz an die Zeit der Ansiedlung. „Auch wir in der Gemeinde sind sehr schnell, gut in der Betreuung und schauen, dass wir alles aus dem Weg räumen, was wir machen können.“ Zwischen den beiden Männern liegt altersmäßig eine Generation. Ihn habe damals das Konzept überzeugt. Dazu gehörte auch der Aspekt als interessanter Arbeitgeber in der Region. „Wir sind Meister- und Ausbildungsbetrieb“, sagt Christian Brötz hervor. „Alle, die uns eine Ausbildung machen, sind geprüfte Elektrofachkräfte.“

„Unternehmen wie dieses sind das Rückgrat unserer Wirtschaft – sie schaffen Arbeitsplätze, Perspektiven und tragen entscheidend zu einem lebenswerten Umfeld bei“, sagt Regierungspräsident Ullrich. „Von Beselich aus werden exklusivste Anforderungen in der ganzen Republik umgesetzt, in Mittelhessen aber sind sie der Bevölkerung kaum bekannt.“ Auch das ist ein Ziel seiner Gemeindebesuche: „Wir müssen mehr über unsere Erfolge sprechen.“

Apropos Ziel: Warum besucht der Regierungspräsident nach und nach die 101 Städte und Gemeinden im Regierungsbezirk der fünf mittelhessischen Landkreise? „Es geht darum, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen und zu erfahren, was die Kommunalpolitik vor Ort bewegt“, sagt er im Sitzungssaal des Rathauses in Beselich. Im Anschluss findet hier ein Austausch mit Bürgermeister Michael Franz, dem Gemeindevorstand und Fraktionsvorsitzenden stattfindet. Der offene Austausch führt über Themen wie das Genehmigungsverfahren zum Steinbruch Hengen Nord, Regionalplanung bis zu interkommunaler Zusammenarbeit.

© RP-Gießen