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Mahnung am Holocaust-Gedenktag: „Wir haben viel zu verlieren“

198 Frauen und Männer sind nach dem aktuellen Stand zwischen 1933 und 1945 Opfer des nationalsozialistischen Regimes geworden. Einige sind namenlos, doch von über 190 sind die Namen bekannt. Es sind vor allem jüdische Bürgerinnen und Bürger, daneben Opfer der Krankenmorde, Gewerkschafter, politisch Verfolgte und mehr. Das Verlesen der Namen ist fester Bestandteil der Gedenkveranstaltung aus Anlass des Internationalen Holocaust-Gedenktages am 27. Januar, der auf dem jüdischen Friedhof in Limburg bereits am Sonntag zuvor begangen wurde.

„Vergesst nicht, dass sie möglich waren, die Verbrechen der Nationalsozialisten“, mahnte die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Elena Kopirovskaja. Sie erinnerte dabei auch an das lange Schweigen, das den Taten folgte. Der Blick auf die aktuellen Entwicklungen bereitet ihr Sorgen. Es sind Zeiten, in denen wieder gesagt wird, was über Jahrzehnte undenkbar erschien. Zeiten, in denen zu Gewalt aufgerufen wird und dies dann auch umgesetzt wird in zahlreichen Angriffen auf jüdisches Leben.

Sie forderte dazu auf, im Gedenken an die Opfer der NS-Zeit nicht nur die Fakten zu benennen, sondern ebenso Empathie mit den Opfern zu zeigen und zu schulen. Nach ihrer Einschätzung sind Antisemitismus und nationalistische Politik oftmals eng miteinander verwoben und Ausdruck einer demokratiefeindlichen Einstellung. Sie forderte zum gesellschaftlichen Zusammenhalt auf, um diesen Entwicklungen, die es nicht nur in Deutschland gebe, entgegenzutreten.

Bürgermeister Dr. Marius Hahn verwies darauf, dass dem Internationalen Gedenktag ein deutscher Gedenktag vorausging, der vor 30 Jahren zum ersten Mal begangen wurde. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog habe dazu aufgefordert, dass Erinnerung nicht enden darf, sondern sie zukünftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen müsse. Die Entwicklung in den zurückliegenden Jahren hat nach Angaben von Hahn jedoch zu einer deutlichen Steigerung von antisemitischen Straftaten und Hasskriminalität geführt.

„Wir dürfen nicht außer Acht lassen und es auch als Warnung für heute ansehen, dass der Ausgrenzungseifer der Nationalsozialisten und darauf aufbauend die Vernichtung von Leben auf Einstellungen, Vorurteilen und vermeintlich wissenschaftlichen Erkenntnissen gründete, die schon viele Jahre vor der Machtergreifung in der Gesellschaft Fuß fassten und um sich griffen“, verdeutlichte Hahn. Nach seiner Einschätzung wurde in der jüngeren Vergangenheit gegenüber antisemitischen Parolen und antidemokratischen Einstellungen zu lange geschwiegen. „Wenn wir es ernst meinen, mit ,Nie wieder ist jetzt‘, müssen wir Farbe bekennen zu Demokratie und Vielfalt, zu Grundgesetz und Menschenwürde. Wir haben viel zu verlieren“, verdeutlichte der Limburger Bürgermeister.

Als Vorsitzende des DGB Limburg-Weilburg erinnerte Viktoria Spiegelberg-Kamens an Hoffnungen, Illusionen und Anpassung in der Arbeiterbewegung, die es vor und mit der Machtergreifung des Nazis gab. Am 1. Mai 1933 hätten die neuen Machthaber den 1. Mai als ihren Feiertag inszeniert, am Tag darauf dann alle Gewerkschaftshäuser besetzt und die Gewerkschaften zerschlagen.

Auch in Limburg habe es Opfer unter Vertretern der Arbeitnehmerbewegung oder Betriebsratsmitgliedern gegeben. Viktoria Spiegelberg-Kamens erinnerte an Josef Ludwig, Heinrich Wallrabenstein und Hans Wolf, die zugleich auch in der SPD aktiv waren. Josef Ludwig starb am 2. April 1945 im KZ Dachau an den Folgen der Haft, Heinrich Wallrabenstein wurde 1940 verhaftet, überlebe die NS-Herrschaft und war nach dem Krieg wieder kommunalpolitisch aktiv, Hans Wolf wurde 1940 verhaftet und in das Strafbataillon 999 versetzt, er starb 1943 bei einem Einsatz in der Ägäis. „Das NS-Unrecht endete nicht am Lagertor. Es zog sich durch Gerichte, Gefängnisse durch ,Bewährung‘, Front und ,Sonderbehandlung‘ – ein Netz, das Leben zermahlte“, verdeutlichte die DGB-Kreisvorsitzende.

Der Limburger Stadtarchivar Dr. Christoph Waldecker stellte auf der Gedenkveranstaltung, die von der Stadt und der jüdischen Gemeinde mit Unterstützung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit ausgerichtet wird, wieder Einzelschicksale von Familien und Personen vor. August Rosper aus Staffel gehört zu den Opfern, die in der Heil- und Pflegeanstalt Hadamar ermordet wurden. Spätestens ab 1943 zeigte Rosper ein Verhalten, das den Verdacht auf eine psychische Störung nahelegt. Er schoss aus dem Fenster, verstieß bei Luftalarm gegen die Verdunklungsvorschriften und vieles mehr. Mehrmals wurde er in „Heilanstalten“ eingewiesen, zuletzt Ende Juni 1944 mit der Diagnose Schizophrenie.

Die Familie Rosenthal, die seit 1931 in Limburg und zuvor in Hausen lebte, musste im März 1938 nach Frankfurt übersiedeln. Felix Rosenthal, der als Viehhändler sein Geld verdiente, hatte durch die Boykottmaßnahmen erhebliche finanzielle Einbußen. Er, seine Frau Irma sowie die Kinder Ferdinand und Ellen Ester wurden im September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Der Vater und die Kinder wurden am 16. Mai 1944 nach Auschwitz gebracht und unmittelbar nach der Ankunft ermordet. Irma Rosenthal kam ins KZ Stutthof bei Danzig und wurde dort am 27. Dezember 1944 ermordet.

An der Gedenkveranstaltung beteiligten sich auch Schülerinnen und Schüler der Leo-Sternberg-Schule, die die Patenschaft für die Verlegung der Stolpersteine in der Stadt übernommen hat. Stephan Kramer begleitete die Feier auf der Klarinette mit einfühlsamen musikalischen Beiträgen. Das jüdische Totengebet sprach Rabbiner Alexander Hoffmann, für die christlichen Religionen trug Pfarrer i. R. Jörg Rücker ein Gebet vor.

© Stadt Limburg