„PROJEKT LÄUFT SEHR VIELVERSPRECHEND“
Zum Tag des Hamsters am 12. April: Regierungspräsidium Gießen fördert wissenschaftliche Begleitung der Auswilderung im Landkreis Gießen – Flächen für „Hamsterhotels“ gesucht
Gießen. Sie sind klein, nachtaktiv und vom Aussterben bedroht. Deshalb gibt es im Landkreis Gießen ein besonderes Projekt, das dazu beiträgt, die Vorkommen der Feldhamster wieder zu stärken. Seit 2021 werden die Tiere in Langgöns von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz e. V. (HGON) gezüchtet und seit einigen Jahren erfolgreich in Langgöns und in Pohlheim ausgewildert. „Wir als Regierungspräsidium Gießen unterstützen das Projekt und fördern die wissenschaftliche Begleitung der Auswilderung mit Mitteln der hessischen Biodiversitätsstrategie. Wo sich der Feldhamster wohlfühlt, geht es auch vielen anderen Tieren und Pflanzen gut. Und das wiederum stärkt die biologische Vielfalt“, unterstreicht Bettina Schreiner von der Oberen Naturschutzbehörde beim Regierungspräsidium Gießen anlässlich des Tages des Hamsters am Sonntag, 12. April, warum der Schutz des Feldhamsters so wichtig und im Interesse des Landes ist.
„Nach der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie sind Bund und Länder verpflichtet, den Erhaltungszustand von geschützten Arten wie dem Feldhamster zu erhalten und langfristig zu verbessern“, erklärt Bettina Schreiner. Vor einigen Jahren wurde untersucht, ob eine natürliche Vernetzung der damals von Feldhamstern besiedelten Bereiche im Landkreis Gießen – südlich von Langgöns und nördlich von Holzheim – möglich ist. Das war aber unter anderem aufgrund der bestehenden Infrastruktur mit Autobahn und Bundesstraße sowie des geringen Aktionsradius von Feldhamstern ausgeschlossen. „Der Austausch dieser beiden Kernvorkommen in Mittelhessen ist aber unerlässlich, damit keine genetische Verarmung eintritt“, sagt die RP-Mitarbeiterin. Bei dem vom Regierungspräsidium geförderten Projekt geht es daher nicht nur darum, die Anzahl der Tiere zu erhöhen, sondern vor allem darum, die genetische Diversität zu verbessern. Die Lösung: einzelne Tiere zweier genetisch voneinander isolierten Populationen werden aus der Natur entnommen und gezielt verpaart. Die Tiere mit den Genen aus beiden Vorkommen werden dann wieder ausgesetzt. Langfristiges Ziel dieses Projektes ist, vitale und sich selbst erhaltende Feldhamstervorkommen aufzubauen. „Voraussichtlich bis 2030 soll das Projekt noch fortgeführt werden“, erklärt Bettina Schreiner.
Das ist mit viel Aufwand für die HGON und die Leiterin des Projekts in Langgöns, Julia Heinze, verbunden. Aber die Erfolge können sich sehen lassen – die Populationsräume befinden sich als einzige in ganz Hessen in guten Erhaltungszuständen. Nicht zuletzt deshalb, weil dieses Projekt eingebunden ist in das Feldflurprojekt „Gießen-Süd“, das vom Regierungspräsidium Gießen zusammen mit der Abteilung für den ländlichen Raum der Landkreise Lahn-Dill und Gießen koordiniert wird.
Die Entwicklung der Populationen im Projekt zur genetischen Wiedervernetzung wird genau verfolgt. Wie viele Tiere werden geboren? Wie viele überleben in freier Wildbahn? Welche pflanzen sich eigenständig fort? Wo gibt es Probleme und wie lässt sich gegensteuern? Antworten auf diese und andere Fragen finden sich im Rahmen der wissenschaftlichen Begleituntersuchungen. Dazu zählen Kameraaufnahmen, dank derer zum Beispiel Jungtiere nachgewiesen werden können, genetische Beprobungen oder auch die Fang-Wiederfang-Studie.
Bei dieser Studie werden die Flächen ein Mal im Monat systematisch kartiert. Dabei werden alle neuen Baue der Hamster erfasst. Anschließend werden mehrere Nächte in Folge an ausgewählten Bauen Lebendfallen aufgestellt, die stündlich kontrolliert werden. Wird ein Hamster gefangen, wird der implantierte Mikrochip ausgelesen, die Tiere werden gewogen und vermessen. Hat ein Tier keinen Chip, bekommt es einen. So lässt sich für jedes Tier nachvollziehen, wie zum Beispiel der Ernährungszustand ist und ob es überhaupt noch lebt. Denn eines ist klar: Nicht alle Jungtiere, und auch nicht die Alten, kommen trotz aller Bemühungen durch. Dafür stehen sie auf dem Speiseplan zu vieler Beutegreifer. „In einer stabilen Population mit genügend natürlichen Ressourcen und geeignetem Lebensraum wäre es für den Feldhamster aber kein Problem, Verluste der Population durch neue Nachkommen auszugleichen“, sagt Bettina Schreiner.
Sämtliche Erkenntnisse des vergangenen Jahres in Sachen „genetische Wiedervernetzung“ hat die HGON in einem umfassenden Bericht zusammengefasst. Dazu gehört beispielsweise, dass 2025 das bisher erfolgreichste Zuchtjahr seit Bestehen der Artenschutzstation war. Über die gesamte Saison kamen 128 Nachkommen in 16 Würfen zur Welt. 47 dieser Jungtiere sollen in diesem Jahr im Zuge des Projekts ausgesetzt werden. Das bedeutet aber nicht nur, sie einfach in die Freiheit zu entlassen. „Allen Tieren wird vor der Auswilderung im Mai ein circa 50 Zentimeter tiefes Loch vorgebohrt, das mit Nistmaterial und Futter ausgestattet wird. In den ersten Tagen bekommen alle Tiere zudem einen nach unten geöffneten Schutzkäfig, der über das Loch gestellt wird“, erklärt Julia Heinze. „Erfahrungsgemäß legen sie sich in den ersten ein bis zwei Nächten eigene Baue an, die Schutzkäfige werden dann wieder eingesammelt.“
Um die Feldhamster auch zwischen den Fangzeiträumen überwachen zu können, wurden Wildkameras und Fotofallen aufgestellt. Dank derer konnten nicht nur Hamster und ihre wenige Wochen alten Jungtiere gesichtet werden, sondern auch Feldhasen, Rebhühner, Dachse, Mauswiesel und Rehe.
„Insgesamt läuft das Projekt zur genetischen Wiedervernetzung sehr vielversprechend“, sind sich Bettina Schreiner und Julia Heinze einig. „Nicht zuletzt haben wir das in besonderer Weise dem hohen Engagement der Landwirtinnen und Landwirte zu verdanken, die eine hohe Anzahl an Schutzmaßnahmen im Gebiet umsetzen. Ohne diese Maßnahmen wären unsere Bemühungen zwecklos“, fügt Julia Heinze an. In diesem Jahr liegt der Fokus der Auswilderungen auf Langgöns, weil die Untersuchungen gezeigt haben, dass die genetische Situation hier deutlich schlechter ist als in Pohlheim. Im Bereich Langgöns-Nord entsteht deshalb noch eine weitere Auswilderungsfläche. In Langgöns-Süd wird ebenfalls ein neues Hamsterhotel angelegt. „Wir sind sehr dankbar für diese Möglichkeit“, betont Bettina Schreiner. Die Abteilung für den ländlichen Raum für die Landkreise Lahn-Dill und Gießen sucht weiterhin Landwirte, die bereit sind, Maßnahmen für den Feldmasterschutz zu vereinbaren. Ansprechpartnerin hierfür ist Maike Delto (maike.delto@lahn-dill-kreis.de).
Link zum Thema:
https://rp-giessen.hessen.de/natur/naturschutz/nationale-schutzgebiete/naturschutzgebiete/feldflurprojekte © RP-Gießen