Als Technologie ist die Geothermie für die Wärmewende in Deutschland ein unverzichtbarer Baustein. Doch wie kann insbesondere die Erdwärmenutzung aus größeren Tiefen noch stärker für die lokale Versorgung genutzt werden – mit dieser Frage beschäftigten sich zwei Tage rund 150 Fachleute bei der 17. Norddeutschen Geothermietagung im Geozentrum Hannover.
Unter dem Leitthema „Von der Innovation zur Praxis" diskutieren Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kommunen bei diesem zentralen Branchentreff über die aktuelle Situation und Zukunftsperspektiven der tiefen Erdwärmenutzung in Norddeutschland. Veranstalter der Tagung waren die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG), das LIAG-Institut für Angewandte Geophysik (LIAG), die Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft von Stadt und Region Hannover, hannoverimpuls, sowie die Deutsche Wissenschaftliche Gesellschaft für nachhaltige Energieträger, Mobilität und Kohlenstoffkreisläufe (DGMK).
„Niedersachsen gehört zu den Bundesländern mit dem größten geothermischen Potenzial. Wenn wir die Wärmewende ernst meinen, müssen wir diese Ressource jetzt systematisch erschließen", betonte Carsten Mühlenmeier, Präsident des LBEG, bei der Eröffnung der Tagung. „Als Landesbehörde stellen wir die geologischen Datengrundlagen bereit und gestalten Genehmigungsverfahren so, dass Vorhaben schneller in die Umsetzung kommen – im engen Schulterschluss mit Bund, Kommunen und Industrie", so Mühlenmeier.
Rund die Hälfte des Endenergieverbrauchs in Deutschland entfällt auf Wärme. Vor diesem Hintergrund, dass der Bedarf noch immer überwiegend aus fossilen Quellen gedeckt wird, kann die Tiefe Geothermie einen entscheidenden Beitrag leisten, um Kommunen, Stadtwerke und Industrie wetter- und saisonunabhängig mit Erdwärme zu versorgen. Gerade Norddeutschland kommt beim Gelingen der Wärmewende eine Schlüsselrolle zu. Der tiefe Untergrund des Norddeutschen Beckens bietet hervorragende geologische Voraussetzungen für eine grundlastfähige, klimafreundliche Wärmeversorgung. In zahlreichen Städten und Gemeinden bestehen bereits gewachsene Fernwärmenetze, die in den kommenden Jahren auf erneuerbare Quellen umgestellt werden müssen. Gleichzeitig besteht bei den Kommunen zunehmender Handlungsdruck durch das Wärmeplanungsgesetz und den industriellen Wärmebedarf.
„Die Tiefe Geothermie ist technologisch reif – die zentrale Aufgabe besteht heute darin, Innovation und Praxis enger zu verzahnen", beschreibt Dr. Gabriela von Goerne, Leiterin des Fachbereichs „Nutzungspotenziale des tiefen Untergrunds" bei der BGR, die größte Herausforderung bei der Wärmewende. „Das Interesse der Kommunen wächst, doch viele stehen vor denselben offenen Fragen zu Geologie, Wirtschaftlichkeit und Kommunikation. Genau hier setzt unsere Tagung an: Sie bringt Forschung, Behörden und Vorhabenträger zusammen, damit aus Erkenntnissen tragfähige Projekte werden", beschreibt sie das Hauptanliegen der Veranstaltung.
So spannte das Tagungsprogramm den Bogen von zukunftsweisenden Technologien bis zu erfolgreich realisierten Projekten. Vorgestellt wurden unter anderem neue Bohrmethoden sowie KI-gestützte Prognosewerkzeuge für Planung und Betrieb. Ein weiteres Thema war die bislang wenig beachtete geothermische Erschließung von Salzstöcken. Dazu gab es Berichte zu aktuellen Projekten aus Niedersachsen, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen sowie Informationen zu neuen Förderinstrumenten, etwa zur „Explorationsinitiative Geothermie“ des Bundes und zum Geothermiebeschleunigungsgesetz. Einen weiteren Schwerpunkt der Tagung bildeten die konkreten kommunalen Herausforderungen bei der Wirtschaftlichkeit von Anlagen, Fragestellungen zur Integration in die kommunale Wärmeplanung und zur Rolle einer transparenten Öffentlichkeitsarbeit, die in einer Podiumsdiskussion vertieft wurde.
Einen besonderen Akzent setzte am zweiten Veranstaltungstag ein Side Event zur Lithium-Extraktion aus Thermalwässern, bei dem Forschungseinrichtungen und Beteiligte aus der Industrie aktuelle Ergebnisse des Verbundprojekts „Li+Fluids“ präsentierten. In dem Vorhaben wurden im Norddeutschen Becken die Nutzungspotenziale von hydrothermalen Fluiden zur Gewinnung von Lithium untersucht – ein Thema von stetig wachsender strategischer Bedeutung, dass die Tiefe Geothermie um eine wertvolle Rohstoffkomponente erweitert und neue Wertschöpfungsperspektiven für die Region eröffnet.
Weiterführende Informationen:
www.norddeutsche-geothermietagung.de
https://www.bgr.bund.de/DE/Themen/Nutzung-tieferer-Untergrund/Geothermie/geothermie_node.html © BGR Bund