Roman Poseck: „Menschen dürfen nicht aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität Ziel von Hass, Hetze und Gewalt werden. Die Entwicklung der letzten Jahre ist alarmierend. Jede einzelne Tat macht einen Menschen zum Opfer.“
Wiesbaden. Am 17. Mai ist der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit (IDAHOBIT). Er erinnert an den 17. Mai 1990, an dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel strich. In Hessen hat die Zahl der queerfeindlich motivierten Straftaten im Jahr 2025 mit 141 Fällen einen neuen Höchststand erreicht. Das sind sechs Fälle mehr als im Vorjahr (2024: 135 Fälle). Seit 2021 hat sich die Zahl queerfeindlicher Straftaten damit mehr als vervierfacht.
Innenminister Roman Poseck erklärte anlässlich des IDAHOBIT: „Die Zahlen, die wir heute zum IDAHOBIT vorlegen, sind ein Weckruf für die Politik, für die Gesellschaft und für jeden Einzelnen von uns. 141 queerfeindlich motivierte Straftaten im Jahr 2025 sind ein neuer Höchststand und das ist nicht hinnehmbar. Wenn wir uns die Entwicklung der letzten Jahre vor Augen führen – 34 Fälle im Jahr 2021, 50 im Jahr 2022, 83 im Jahr 2023, 135 im Jahr 2024 und nun 141 im Jahr 2025 –, dann sehen wir einen Trend, der uns alle aufhorchen lassen muss. Innerhalb von nur vier Jahren hat sich die Zahl queerfeindlicher Straftaten in Hessen mehr als vervierfacht. Das ist alarmierend. Dabei geht es um mehr als bloße Zahlen. Jede einzelne Tat macht einen Menschen zum Opfer, das angegriffen, bedroht, beleidigt oder verletzt wird.
Auch wenn sich im Jahr 2025 mit 13 Fällen die Zahl der Gewaltdelikte gegenüber dem Vorjahr verringert hat, bleibt jede einzelne Körperverletzung und jede Bedrohung ein schwerwiegender Angriff auf eine Einzelperson und zugleich auf unsere Werteordnung. Vorfälle wie der Angriff auf ein Männerpaar in einer Kasseler Straßenbahn im Januar dieses Jahres – die Opfer wurden homophob beleidigt, bedroht und bespuckt – zeigen, dass queerfeindliche Gewalt nicht irgendwo stattfindet. Sie findet mitten unter uns statt, im Alltag, im öffentlichen Raum.
Besonders ernst nehme ich, dass wir von einem erheblichen Dunkelfeld ausgehen müssen. Die 141 registrierten Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs. Viele Betroffene erstatten aus Scham, aus Angst vor erneuter Diskriminierung oder aus mangelndem Vertrauen in Behörden keine Anzeige. Das zeigt auch, dass wir um Vertrauen werben und die Bedeutung einer konsequenten Strafverfolgung noch deutlicher machen müssen.
Extrem rechte Kräfte tragen nach meiner Ansicht eine Mitverantwortung an der Entwicklung der Straftaten zu Lasten queerer Menschen. Der rechte Rand attackiert fortwährend die Vielfalt in unserer Gesellschaft. Diese wird nicht als Chance, sondern als Bedrohung begriffen. Ich finde es unerträglich, dass rechtsextreme Kräfte in unserem Land immer häufiger CSD-Veranstaltungen beeinträchtigen und angreifen; inzwischen leider auch in Hessen. Diese Atmosphäre der Einschüchterung, des Hasses und der Gewalt gegen queere Menschen und ihr friedliches und fröhliches Auftreten bei CSD-Veranstaltungen ist ein fundamentaler Widerspruch zu unserer Werteordnung. Die Welt des Grundgesetzes ist eine vielfältige und tolerante.
Die hessische Polizei hat auf diese Entwicklung reagiert und wird dies auch weiterhin tun. Seit 2010 gibt es in allen hessischen Polizeipräsidien eigene Ansprechpersonen für LSBTIQ*-Bürger sowie für Mitarbeiter. Aktuell sind es 24 engagierte Beamte, die wichtige Arbeit im Opferschutz leisten, Anzeigen aufnehmen und bei Veranstaltungen wie dem Christopher Street Day präsent sind. Die Hessische Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit bietet dazu jährliche Fortbildungen an. Mit neuen Präventionsformaten wie der geplanten Sprechstunde ‚Gemeinsam Sicher Queer’ in Wiesbaden gehen wir weitere Schritte, um Vertrauen zu stärken und Betroffenen niedrigschwellige Anlaufpunkte zu bieten.
Aber Polizei und Staat können das nicht allein. Die Gesellschaft muss wachsam bleiben. Wer Zeuge von queerfeindlichen Übergriffen wird, darf nicht wegschauen. Wer Betroffene kennt, sollte ihnen Mut machen, Anzeige zu erstatten und die Ansprechpersonen der Polizei zu nutzen. In einer demokratischen Gesellschaft muss jeder Mensch frei und sicher leben können – unabhängig von seiner sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität. Das ist nicht nur eine Frage der Toleranz, sondern zuvörderst eine Frage unserer Grundwerte.”
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