Ein Leuchtturm der Wärmewende aus Bürgerhand
Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich informiert sich über das Solardorf Bracht in der Stadt Rauschenberg
Rauschenberg/Bracht. Wer verstehen möchte, wie die Energiewende im ländlichen Raum gelingen kann, sollte nach Bracht kommen. Davon konnte sich jetzt auch Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich während seiner regelmäßigen Gemeindebereisungen überzeugen. Gemeinsam mit Rauschenbergs Bürgermeisterin Alexandra Klusmann sowie weiteren Kommunalpolitikerinnen und -politikern besuchte er die Solarwärme Bracht e.G. – jenes außergewöhnliche Bürgerprojekt im Landkreis Marburg-Biedenkopf, das weit über die Grenzen Mittelhessens hinaus Aufmerksamkeit erregt hat. „Seit mehreren Jahren reden wir in der Gesellschaft von der Notwendigkeit einer Wärmewende – weg von fossilen Energieträgern und hin zu verlässlichen und von internationalen Verwerfungen ungestörten Konzepten“, sagt der Regierungspräsident und fasst seine Eindrücke zusammen: „Das Solardorf Bracht ist für mich ein solches Konzept. Ein Leuchtturm der Wärmewende aus Bürgerhand.“
Helgo Schütze empfängt die Gäste. Er ist der Vorsitzende der Genossenschaft und einer der prägenden Köpfe des Projekts. In einem umfassenden Vortrag sowie einer anschließenden Führung erläutert er die Entstehungsgeschichte, die technischen Besonderheiten und die Perspektiven des mittlerweile weithin bekannten „Solardorfs Bracht“. Der Besuch fügt sich nahtlos in das Ziel der Gemeindebereisungen des Regierungspräsidenten ein: erfolgreiche Projekte sichtbar machen, Akteure miteinander vernetzen und Initiativen vorstellen, die als Vorbild für andere Kommunen dienen können. Dass dies auf Bracht in besonderem Maße zutrifft, wird schnell deutlich.
„Eigentlich braucht das Solardorf Bracht keine zusätzliche Werbung mehr“, bemerkt einer der Teilnehmer mit einem Schmunzeln. Tatsächlich hat das Projekt bereits landesweit und darüber hinaus für Schlagzeilen gesorgt. Hessens erstes Solardorf gilt inzwischen als Musterbeispiel dafür, wie eine nachhaltige Wärmeversorgung auf Dorfebene funktionieren kann. Rund 70 Prozent der benötigten Wärme stammen aus einem großflächigen Sonnenkollektorfeld von 11.640 Quadratmeter, also rund zwei Fußballfeldern. Daneben besteht das Kernstück des Systems aus einem riesigen Erdbeckenspeicher, ergänzt um Wärmepumpentechnik und einen Biomassekessel. Das Ergebnis ist ein Nahwärmeversorgungssystem, das fossile Energieträger weitgehend überflüssig macht und einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leistet. Doch Zahlen und technische Daten erzählen nur einen Teil der Geschichte.
Die eigentliche Besonderheit Brachts liegt in den Menschen. Denn was heute als Leuchtturmprojekt der Wärmewende wahrgenommen wird, begann einst mit einer Idee und dem Mut engagierter Bürgerinnen und Bürger, neue Wege zu gehen. Aus zahlreichen Gesprächen, Bürgerversammlungen und ehrenamtlichem Einsatz entwickelte sich Schritt für Schritt eine Genossenschaft, die Verantwortung für die eigene Energiezukunft übernahm. Statt auf externe Investoren zu warten, nahmen sie ihr Schicksal selbst in die Hand.
Dieses außergewöhnliche bürgerschaftliche Engagement ist bis heute die tragende Säule des Projekts. Hunderte Stunden ehrenamtlicher Arbeit, intensive Überzeugungsarbeit in der Dorfgemeinschaft und ein bemerkenswerter Zusammenhalt haben dazu beigetragen, dass aus einer Vision Realität werden konnte. Das Solardorf Bracht ist deshalb weit mehr als ein technisches Infrastrukturprojekt – es ist ein Gemeinschaftswerk eines ganzen Dorfes.
„Rauschenberg ist die erste Bioenergiestadt Deutschlands“, erläutert Bürgermeisterin Klusmann. „Alle Nahwärmegenossenschaften zeichnen sich durch hohes ehrenamtliches Engagement aus und dies gilt natürlich für das ,Solardorf Bracht‘. Was dort auf den Weg gebracht wurde, ist für die Wärmewende einzigartig und zukunftsweisend.“ Die Zahlen belegen den Erfolg eindrucksvoll. Mittlerweile sind mehr als zwei Drittel der Haushalte an das 9,7 Kilometer lange Nahwärmenetz angeschlossen, und nahezu täglich kommen weitere Anschlüsse hinzu. Damit wächst nicht nur das Netz selbst, sondern auch die Gewissheit, dass die Entscheidung für den gemeinsamen Weg richtig war.
Während der Führung werden die Dimensionen des Projekts greifbar. Die weitläufigen Solarthermieflächen, das kilometerlange Wärmenetz und die innovative Speichertechnik zeigen eindrucksvoll, welche Ingenieursleistung hier entstanden ist. Gleichzeitig wird deutlich, dass moderne Energietechnik und dörfliche Gemeinschaft kein Widerspruch sein müssen – im Gegenteil. Gerade ihre Verbindung macht den Erfolg Brachts aus.
„Genau solche Projekte sind es, die die Region Mittelhessen prägen und anderen Kommunen wertvolle Impulse geben können“, zeigt sich Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich beeindruckt von der Kombination aus technischem Innovationsgeist und gesellschaftlichem Zusammenhalt. „Hier wurde nicht nur eine neue Wärmeversorgung aufgebaut. Hier hat eine Dorfgemeinschaft gezeigt, dass große Zukunftsprojekte auch im ländlichen Raum entstehen können – wenn Menschen gemeinsam an eine Idee glauben und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Das Solardorf Bracht sei damit nicht nur ein technisches Vorzeigeprojekt der Energiewende. „Es ist vor allem ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was Bürgerengagement, Zusammenhalt und Beharrlichkeit bewirken können.“ © RP-Gießen