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Wer bringt eigentlich die „Tour der Hoffnung“ auf die Straße?

Regierungspräsident Ullrich und Tour-Organisator Gerhard Becker sprechen mit RP-Mitarbeiterin Evi Maria Reeh

Gießen. Der Tross ist legendär: 200 Menschen radeln als „Tour der Hoffnung“ immer im August fünf Tage durch Deutschland und sammeln in grünem Trikot und gelbem Helm Spenden für krebskranke Kinder – und das seit mittlerweile 36 Jahren. Bei der letztjährigen Tour kamen 2,25 Millionen Euro zusammen, von denen Krankenhäuser und die Forschung profitieren. Hunderte Kilometer fährt der Tross im Verband auf öffentlichen Straßen, quert Kreuzungen mit roten Ampeln, immer eskortiert von Polizeimotorrädern. „Dürfen die das?“, könnte man sich fragen. Was nur wenige wissen: Jede „Tour der Hoffnung“ wird mehrere Monate zuvor vom Regierungspräsidium Gießen als genehmigende Behörde begleitet. Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich informierte sich bei Tour-Chef Gerhard Becker und RP-Mitarbeiterin Evi Maria Reeh darüber, wie ein solches Verfahren abläuft.

„Diesmal geht es ab 15. August ins Bergische Land nach NRW“, berichtet Gerhard Becker, seit Jahrzehnten der Kümmerer und Netzwerker hinter der Goodwill-Radtour. Bis zum Ziel in Bonn werden unter anderem Köln, Wuppertal, Bochum und Hagen die Stationen sein. Inklusive Prolog einen Tag zuvor rund um Gießen legen die Radlerinnen und Radler 379 Kilometer zurück, immer wieder unterbrochen von kurzen Stopps mit Spendenübergaben.

 

Die Route einer Tour wird im engsten Kreis der Tour-Organisatoren entworfen. Drei Monate vor der eigentlichen Tour kommt der Antrag zum RP Gießen. Denn dann kommt Paragraf 29 Absatz 2 der Straßenverkehrsordnung ins Spiel: „Veranstaltungen, für die Straßen mehr als verkehrsüblich in Anspruch genommen werden, bedürfen der Erlaubnis“, heißt es darin. Zuständig dafür ist das Regierungspräsidium. „Wir haben hier Frau Reeh, die das alles verantwortlich regelt “, sagt RP Christoph Ullrich.

 

Der Antrag hat umfangreiche Anlagen wie Streckenbeschreibungen und Streckenpläne. „Sobald der Antrag eingeht, schreibe ich alle betroffenen Behörden an“, berichtet Evi Maria Reeh weiter. Dies sind unter anderem die Straßenverkehrsbehörden von Städten und Landkreisen, Straßenbaulastträger und die Polizei. „Das Regierungspräsidium Gießen ist zuständig, weil die ,Tour der Hoffnung‘ immer mit dem Prolog in Gießen startet.“ Der führt diesmal 63 Kilometer durch den Landkreis Gießen. Die darauffolgenden drei Tage zur eigentlichen „Tour der Hoffnung“ führten auch schon mal durch mehrere Bundesländer bis Hamburg oder Berlin.

 

Seit zwölf Jahren läuft das Genehmigungsverfahren elektronisch ab. „Die Kommunikation per E-Mail ist ein großer Vorteil“, berichtet sie weiter. Davor waren oft 25 Ausfertigungen des Antrages plus Anlagen auf dem Postweg zu verschicken. „Jede Behörde hat eine Ausfertigung in Papierform erhalten.“

 

„Ich bin ja selbst ein deutscher Beamter“, sagt Gerhard Becker und lächelt. Damit will der Pensionär sagen: „Ich weiß, wie eine Verwaltung möglichst reibungslos arbeiten kann.“ Im Vorfeld versucht er möglichst alle Fragezeichen hinter den Tourstationen wegzuorganisieren. „Ich versuche zum Beispiel jeden Bürgermeister im Vorfeld zu besuchen.“ Mit einem halben Dutzend des Tour-Teams und den beiden sportlichen Leitern Dr. Mathias Rinn und Karsten Koch wird eine Probetour gefahren, um den zeitlichen Ablauf so exakt wie möglich zu bestimmen.

 

Das kommt der RP-Mitarbeiterin sehr entgegen. Denn die „Tour der Hoffnung“ ist nicht die einzige Veranstaltung, für die Evi Maria Reeh zuständig ist. Ihre Themen sind außerdem Auto-Rallyes, Radrennen, Volkswanderungen oder auch Triathlonwettbewerbe. So führt eine Etappe der Deutschlandtour, dem bundesweit bedeutendsten Etappenrennen im Straßenradsport, am 30. August von Marburg nach Göttingen. „Da ist das Regierungspräsidium Gießen für Hessen zuständig“, berichtet sie.

 

Das Regierungspräsidium prüft, ob die Straßen für die „Tour der Hoffnung“ benutzbar sind. „Wenn sich während des Verfahrens herausstellt, dass eine Streckenverbindung ungeeignet ist, gebe ich das an Gerhard Becker weiter“, erklärt sie. Er schlägt dann eine Ausweichroute vor und ich gebe die Änderungen erneut in Umlauf. „Wie im Fahrerfeld steckt da eine gewisse Dynamik drin“, erklärt Evi Maria Reeh.

 

Am Ende des Verfahrens erteilt sie eine Gesamterlaubnis, auch für den Streckenteil in NRW. Die Erlaubnis regelt den Ablauf und sorgt mit Auflagen und Bedingungen für die Sicherheit der Radteilnehmer und des gesamten übrigen Verkehrs. Auch andere Belange wie der Natur- und Landschaftsschutz werden geprüft und in der Erlaubnis berücksichtigt.

 

Seit 2013 fährt Evi Maria Reeh auch selbst beim Prolog mit, der am Tag vor der eigentlichen Tour durch den Landkreis Gießen führt. Das ist jedes Jahr wieder ein ganz besonderes Erlebnis für sie: „Die ,Tour‘ ist mir eine Herzensangelegenheit, geht es neben der sportlichen Betätigung um das gemeinsame Radeln für den guten Zweck.“ Auf das nächste Ziel kann sie sich schon einstellen: 2020 geht es in Richtung Würzburg. © RP-Gießen