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Vor 50 Jahren fand der letzte Pfingstritt zur Berger Kirche statt · Ausstellung auf dem Pfarrfest in Werschau am 12. August und am Denkmalstag, 9.9.

© Fotoarchiv Ehrlich / Gemeindearchiv Brechen

Am Pfingstmontag 1968, also vor nunmehr 50 Jahren, fand der letzte Pfingstritt zur Berger Kirche statt. Gerade bei den Älteren ist der Pfingstritt unvergessen. 1933 erstmals durchgeführt und wurde er von den Nazis in der Zeit von 1938 bis 1945 verboten, um 1946 mit großer Kraft wieder zu erstehen. Der Arbeitskreis Historisches Brechen hat eine Ausstellung mit zeitgenössischen Textdokumenten, Presseartikeln und Bildern erstellt, die die Zeit der Pfingstritte dokumentiert, aber auch den Spuren ihrer Entstehungsgeschichte und die Tradition der Wallfahrten nach Bergen folgt. Abgerundet wird die Ausstellung durch eine Bilderschau, die weitere Fotos zu den Pfingstritten beinhaltet.

Die Ausstellung wird am kommenden Sonntag, dem 12. August 2018 von 11:00 bis 17:00 Uhr auf dem Werschauer Pfarrfest zu sehen sein, ebenso (letztmals) am Denkmalstag am 9. September 2018 in der Berger Kirche.

Die Idee des Pfingstrittes entstand 1932, als in Villmar anlässlich eines Zeltlagers der St.-Georg-Pfadfinder die Junglandgruppe Villmar mit ihrem Leiter Josef Sahl ihren Diözesanpräses Ferdinand Dirichs (damals Subregens am Priesterseminar Limburg, später Bischof von Limburg) zu Pferde abholten. Hier wurde beschlossen, dass die Junglandbewegung (eine Gruppierung der Jungbauern im Katholischen Jungmännerverband Deutschlands) in den Gemeinden des Goldenen Grundes zu vertiefen und als „religiöse Bekenntnistat“ auch in die Öffentlichkeit zu tragen sei. Die traditionellen Wallfahrten zur Berger Kirche sollten wieder aufgenommen werden und der reitbegeisterte Dirichs schlug vor, „das Pferd als Hauptarbeitskraft und als Vertreter des Viehs hierbei mitzunehmen“ und das Ganze in Form einer Reiterprozession durchzuführen. Zusammen mit den Kaplänen von Villmar und Niederbrechen bereiteten Dirichs und die Junglandbewegung die Reiterprozession vor, wobei sie von Domkapitular Dr. Rauch tatkräftig unterstützt wurden. Am Pfingstmontag wurde zum ersten Pfingstritt eingeladen und statt der erwarteten 60-80 Pferde und Reiter kamen rund 270!

Die Anzahl der Reiter und Pilger stieg von Jahr zu Jahr (1935 wurden über 600 Reiter gezählt!) und wurde 1938 – wie viele andere Wallfahrten und Prozessionen im Deutschen Reich – von den Nazis verboten. Als weitere Begründung in dem vom 25. April 1938 datierten Schreiben des Landratsamtes Limburg heißt es: „Außerdem wird bei dem Pfingstritt die Fernverkehrsstraße Nr. 8 berührt und durch Teilnehmer bzw. Zuschauer der Verkehr auf der genannten Straße behindert bzw. gefährdet.“

1946 lebte der Pfingstritt wieder auf und war über viele Jahre hinweg ein machtvolles und intensives Bekenntnis der Bauernschaft zur Kirche, zu Gott und zum Glauben. Aus über 30 Orten des Goldenen Grundes, des Westerwaldes und des Taunus zogen Reiter und Pilger am Pfingstmontag von Niederbrechen zur Berger Kirche hoch, wo neben Andacht und Predigt zum Schluss die traditionelle Pferdesegnung erfolgte. Mit dem technischen und gesellschaftlichen Strukturwandel in der Landschaft gab es aber immer weniger Bauern und verdrängten Traktoren das Pferd als Arbeitskraft. Von Jahr zu Jahr nahm die Anzahl der Pferde und Reiter ab – gab es beispielsweise 1949 noch 143 Pferde in Niederbrechen, waren es 1965 nur noch 36. Die verantwortlichen der Landvolk-Bewegung entschlossen sich daher, die Reiterprozession nicht mehr fortzusetzen, da es keinen Sinn mache, eine „entkernte Sache“ fortzusetzen. Der damalige Limburger Bischof Dr. Wilhelm Kempf, der den letzten Pfingstritt 1968 begleitete, gab in einer Abschlussrede seiner Hoffnung Ausdruck, dass mit dem Pfingstritt nicht die Tradition der Wallfahrten zur Berger Kirche enden, sondern in einer anderen Form, z.B. als Bittsonntage, fortgesetzt werden möge. Diese Hoffnung trog nicht, denn die Berger Kirche ist auch nach der Ära der Pfingstritte als Wallfahrtskirche erhalten geblieben. © Ulli Jung

© Gemälde Adam Ehrlich