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Von robusten Kameras zum komplexen Regionalplan·Regierungspräsident unterwegs in Hadamar

Michael Weber, Firmenmitgründer von Motec in Steinbach, führt Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich mit Bürgermeister Michael Ruoff durch das Unternehmen.

Reihe „Regierungspräsident unterwegs in…“: Dr. Christoph Ullrich besucht die Stadt Hadamar und informiert sich über aktuelle Themen – Besichtigung des Unternehmens Motec

Gießen. Einmal im Monat besucht Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich eine Gemeinde im RP-Bezirk zwischen Limburg und Schlitz, Münchhausen und Hungen. Diesmal war es für ihn eine kleine Zeitreise, denn Hadamar ist die Stadt, in der er bis 1979 zur Schule ging. Während beim Besuch im historischen Rathaus auch Nostalgie aufkam, waren die Themen, über die sich Christoph Ullrich mit engagierten Lokalpolitikern austauschte, hingegen hochaktuell: von der Regionalplanung über Denkmalschutz bis Wettbüros. „Mir geht es darum, zu erfahren, was gut läuft und wo es vielleicht auch hakt.“ Neben einer großen Gesprächsrunde mit den Fraktionsspitzen und städtischen Vertretern besuchte RP Ullrich zusammen mit Bürgermeister Michael Ruoff zum Auftakt auch das Unternehmen Motec in Steinbach.

Das hochmoderne Gebäude von Motec liegt im Hadamarer Stadtteil Steinbach umgeben von zweigeschossigen Wohnhäusern und landwirtschaftlichen Höfen. „Wir sind immer schneller gewachsen als geplant“, berichtet Michael Weber, Firmenmitgründer und Diplom-Ingenieur.

Hier werden robuste Kamerasysteme gebaut, die an Fahrzeugen Verwendung finden, die ein paar Meter weiter im alltäglichen Gebrauch sind: Traktoren oder Mähdrescher zum Beispiel. „Wir helfen Maschinen, schlauer zu werden“, berichtet Geschäftsführer Dr. Christoph Loos. Dass die Kamerasysteme genauso auch auf Radladern, Gabelstaplern, LKWs, Müllfahrzeugen, Hafenkräne oder sogar auf der Schiene an Baufahrzeugen weltweit verwendet werden, davon erfährt der Gießener Regierungspräsident bei seinem Besuch.

Seit 1992 befindet sich das Unternehmen fast ununterbrochen auf Expansionskurs, produziert nicht nur selbst, sondern entwickelt die Kamerasysteme und passt sie auf spezielle Kundenwünsche an. 30 Millionen Euro Umsatz wird Motec in diesem Jahr mit aktuell rund 200 Mitarbeitern an vier Standorten erreichen. Seit wenigen Wochen hat es sich einem börsennotierten US-Unternehmen angeschlossen. Ein großes Thema ist es, Fachkräfte zu gewinnen und auch im ländlichen Umfeld zu halten. Deshalb ist einer der Standorte auch direkt neben der Uni Koblenz angesiedelt. Das Motec Entwicklungszentrum für Nutzfahrzeug-Assistenzsysteme, kurz Menas genannt, gehört zur Abteilung Entwicklung. Dort werden Software-Algorithmen für Fahrerassistenzsysteme entwickelt. Die entsprechenden Entwickler werden von der Uni Koblenz rekrutiert. In der Regel haben sie vorher bei der Motec als Praktikant bzw. Werksstudent gearbeitet und gegebenenfalls auch eine Bachelor- oder Master-Arbeit geschrieben.

„Es ist beeindruckend zu sehen, was aus einer Garagenidee werden kann“, sagt RP Christoph Ullrich. „Wir müssen nur noch viel mehr darüber reden, welche Kompetenzen wir hier in unserer Region haben.“ Für das Image des Unternehmens sei das wichtig, aber eben auch für Mittelhessen. Viele junge Menschen wollen in die Großstädte. „Wenn aber die Familienzeit beginnt, spielen andere Faktoren eine Rolle.“ Das sei auch eine Chance für Mittelhessen, „denn wir sind hier in einer spannenden Region – in der Mitte Hessens, in der Mitte Deutschlands“. Er selbst sei ein bekennender Landbewohner im Umfeld von Limburg und wisse die Vorzüge zu schätzen wie Naturnähe und zugleich nur wenige Kilometer entfernt zu sein von einer Stadt mit ihren urbanen Vorzügen.

Im zweiten Teil des Gemeindebesuchs steht die offene Diskussion mit Vertretern der Parlamentsfraktionen im Vordergrund. Neben Bürgermeister Michael Ruoff sitzen mit am Tisch: der Erste Stadtrat Bernd Groh, Stadtverordnetenvorsteher Michael Lassmann (CDU), Susanne Langel (Fraktionsvorsitzende, FWG), Marianne Bastian (SPD), Bernhard Pietsch (Fraktionsvorsitzender, CDU), Günter Diekmann und Edgar Lippert (FWG), Peter Diefenbach (CDU), Alfons Bausch (WFH), Bauamtsleiter Hans-Georg Kaiser, Büroleiter Rainer Schmidt.

„Ich bin stolz, dass die Stadt Hadamar einen eigenen Strang im Organigramm des Regierungspräsidiums besetzt“, sagt der Bürgermeister zur Begrüßung schmunzelnd. Zum Hintergrund: Ein Bereich des RP-Arbeitsschutzes mit rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat seinen Sitz sich im Schloss. „Es ist für mich natürlich besonders schön, dass in meiner ehemaligen Schulstadt das Regierungspräsidium auch vertreten ist“, sagt der RP.

„Wir sind derzeit dabei, die Regionalplanung neu aufzustellen“, setzt der Regierungspräsident ein Thema, das intensiv diskutiert wird. Der Regionalplan legt die Ziele und Grundsätze der Raumordnung und Landesplanung fest. „Regionalplanung ist eine komplexe Materie.“ Dabei gebe es viele Details zu berücksichtigen. „Ich kann Sie nur ermutigen, dieses Projekt zu begleiten.“ Das bedeute nicht, dass alle Wünsche und Anregungen aus Hadamar berücksichtigt werden könnten. Es gehe vielmehr darum, die Summe der Interessen auszugleichen. „Und was uns keiner zuruft, das können wir auch nicht berücksichtigen. Artikulieren Sie deshalb Ihre Interessen und Wünsche, und teilen Sie uns diese mit“, lautet der Appell des Regierungspräsidenten. „Ich sehe uns als Dienstleister.“ Er halte viel davon, in einer frühen Phase ins Gespräch zu kommen.

Bürgermeister Ruoff hat bereits konkrete Ideen. Auf einer Landkarte stellt er sie vor: Das Gewerbegebiet „Oberweyer Sechsmorgen“ soll erweitert werden. Dabei wird der „Wunsch nach einem maßvolleren Umgang mit Zentren“ aus dem Reihe der Lokalpolitiker geäußert. Damit gemeint ist etwa das konkurrierende Gewerbegebiet „Offheimer Höhe“ in Limburg. Hier müsse ein Ausgleich geschaffen werden, um eine steuerliche Kompensation zu erzielen. „Limburg und Hadamar haben eine unterschiedliche Zentralität“, antwortet Christoph Ullrich. Unabhängig davon gelte das Prinzip der kommunalen Eigenentwicklung. „Das gibt auch Hadamar die Möglichkeit, Gewerbegebiete anzubieten.“

Weitere Themen des angeregten Austauschs sind: mehr Bauplätze für junge Familien, die Revitalisierung der Ortsteile mit besonderem Blick auf Denkmal- und Ensembleschutz oder auch die immer schwieriger werdende Ansiedlung neuer Geschäfte, die häufig von Spielhallen oder Wettbüros belegt werden. „Wann ist die Grenze der Sonderpostenmärkte erreicht?“, lautet eine Frage.  „Das Thema Einzelhandel ist aktuell sehr schwierig und wird auch immer brisanter werden“, sagt RP Ullrich mit Blick auf den stets zunehmenden Internethandel. © RP Gießen