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Von der größten beruflichen Herausforderung in den Verwaltungsalltag

Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich ist am Freitag, 2. Oktober, fünf Jahre im Amt

Gießen. "Wir müssen mehr über Mittelhessen reden" ist ein Satz, den Dr. Christoph Ullrich immer wieder sagt. Er ist ihm besonders wichtig, nicht nur als Regierungspräsident, sondern weil er stolz auf seine Region ist, in der er arbeitet und auch lebt. Fünf Jahre liegt es zurück, dass der heute 60-jährige gelernte Rettungssanitäter und studierte Jurist sein Amt antrat - auf der Höhe der Flüchtlingswelle. Seitdem steht er an der Spitze des Regierungspräsidiums Gießen, einer Mittelbehörde mit rund 1300 Beschäftigten, die für die Landkreise Gießen, Lahn-Dill, Marburg-Biedenkopf, Vogelsberg und Limburg-Weilburg zuständig ist. In dieser Zeit entstand das Ankunftszentrum in Gießen, nahm der Digitalisierungsprozess an Fahrt auf, und galt es - wie in vielen anderen Betrieben und Verwaltungen auch, die Corona-Krise zu bewältigen.

"Ich wünsche mir einfach mehr Selbstbewusstsein und Identifikation, denn wir leben hier in einer sehr gesunden Bildungs- und Wirtschaftsregion mit hoher Lebensqualität." Aufgewachsen bei Limburg, studiert in Gießen, als Richter in Dillenburg und als Landgerichtspräsident in Marburg und Limburg tätig plus Erfahrungen über den Tellerrand hinaus für die Landesregierung in Wiesbaden und Berlin: Christoph Ullrich ist ein Mittelhesse mit Weitblick. Dementsprechend sieht er auch seine Aufgabe: Als Leitung einer großen Behörde einerseits, als Botschafter für Mittelhessen andererseits, der die Akteure vernetzt und für das er außerhalb der RP-Grenzen wirbt. Dazu besucht er regelmäßig Unternehmen in den fünf Landkreisen, die großen, aber auch die aufstrebenden, die mit innovativen Ideen von sich Reden machen. "Wie oft war ich in den vergangenen fünf Jahren in einem Gewerbegebiet und finde in einer unscheinbaren Halle einen Weltmarkführer auf seinem Gebiet", berichtet RP Ullrich. "Hier sind so viele innovative und spannende Branchen ansässig."

Daneben ist er dabei, die 101 Städte und Gemeinden im RP-Bezirk zu besuchen. "Ich möchte wissen, was die Menschen beschäftigt und welche Sorgen sie vielleicht auch haben." Deshalb trifft er sich nicht nur mit Bürgermeistern, sondern tauscht sich auch mit den Fraktionen der politischen Gremien aus oder anderen engagierten Menschen. "Ich saß selbst viele Jahre im Kreistag und weiß, wie mühsam politisches Gestalten vor Ort sein kann." Deshalb hat Christoph Ullrich auch das Motto "Für die Bürger, für die Wirtschaft, für die Region" als Leitmotiv für die Arbeit im Regierungspräsidium ausgegeben. "Ich sehe uns als einen bürgerfreundlichen Dienstleister", sagt er.

Stichwort: Digitalisierung. Ein Beispiel für diese Modernisierung in der Verwaltung sind die sechs Hessischen Ämter für Versorgung und Soziales, die dem RP Gießen nachgeordnet sind und die viele Aufgaben der Sozialverwaltung wahrnehmen. Dort können zum Beispiel Anträge das Elterngeld oder ein Schwerbehindertenausweis beantragt werden. Das ist jetzt über das Internet möglich. Umgesetzt worden ist das im RP Gießen als "digitale Modellbehörde" für Projekte in ganz Hessen. Bürgerfreundlichkeit fängt jedoch bereits im Kleinen an. Um besser ansprechbar zu sein, tragen die RP-Beschäftigten seit knapp drei Jahren - auf freiwilliger Basis - auch Namenschilder.

Nach klassischer Verwaltungsleitung sah es in der ersten Zeit für Christoph Ullrich nicht aus. Im Gegenteil. Ab dem ersten Tag war Christoph Ullrich mit der größten Herausforderung seines bisherigen Berufslebens konfrontiert. Zehntausende Menschen kamen im Spätsommer 2015 auf der Suche nach Asyl nach Hessen - und der Winter stand vor der Tür. "Das war ein unglaublicher Kraftakt, den sehr viele engagierte Kolleginnen und Kollegen erst ermöglicht haben." Heute noch sei er stolz darauf, dass alle Menschen untergebracht und versorgt werden konnten. Seitdem sind die Flüchtlingszahlen stark rückläufig und mit dem Ankunftszentrum in Gießen Strukturen geschaffen worden, die - falls notwendig - nicht nur höhere Zugangszahlen ermöglichen, sondern bundesweit für Aufsehen sorgt.

In die Amtszeit von RP Ullrich fielen außerdem die zehnjährigen Jubiläen des gerade erst mit dem UN-Dekadenpreis ausgezeichneten Lahnfensters an der Klinkel'schen Mühle in Gießen und des EU-Informations-Zentrums im Hauptsitz am Landgraf-Philipp-Platz, der Start des OEG-Trauma-Netzwerkes, bei dem Opfer von Gewalttaten schnell Hilfe erhalten oder der verabschiedete Teilregionalplan Energie, um die Energiewende weiter voranzubringen. Ein Thema, das ihm persönlich auch aus der eigenen Erfahrung als Lokalpolitiker wichtig ist, ist das der Interkommunalen Zusammenarbeit. "Die Aufgaben der Kommunen werden immer komplexer, umso wichtiger ist deshalb eine Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg." Durch Kooperationen könnte Geld eingespart werden, was sich unmittelbar auf die Haushalte der Kommunen auswirke. "Wenn es alleine immer beschwerlicher wird, bietet sich ein Zusammengehen an." Das biete zugleich auch große Chancen für den ländlichen Raum.

"Meine tägliche Arbeit besteht auch darin, die Landesbehörde für die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten und die mittelhessischen Akteure in den Landkreisen zusammenzubringen, sei es aus Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft", beschreibt er seinen Alltag. Auch ein Ehrenamt hatte Christoph Ullrich gleich zu Beginn seines Amtsantritts übernommen: Er engagiert sich seitdem als Schirmherr für die Arbeit des Kinderpalliativ-Team Mittelhessen, das schwerstkranke Kinder und Jugendliche Zuhause medizinisch betreut. Außerdem setzt er sich im Lions Club Limburg-Domstadt zusammen mit dem Deutschen Roten Kreuz Limburg in dem gemeinsamen Projekt "Wünsche werden wahr" dafür ein, Menschen am Ende eines Lebens mit einem umgebauten Krankenwagen einen sehr persönlichen Wunsch zu erfüllen. Dies kann ein Besuch von Verwandten sein, eine Kulturveranstaltung oder ein Ausflug zu einem Ort mit einem besonderen persönlichen Bezug.

Innerhalb des Regierungspräsidiums lautete die Herausforderung der jüngeren Vergangenheit: Corona. In kürzester Zeit während des Lockdowns galt es, für einen großen Teil der Belegschaft die Möglichkeiten für Homeoffice-Arbeit zu schaffen. Videokonferenzen und TelKos ersetzten Besprechungen. "Da kam uns zugute, dass wir mit der digitalen Akte schon sehr gut unterwegs sind", berichtet Christoph Ullrich. Das heißt, Kartons mit Akten gehören zu großen Teilen der Vergangenheit an.

Da haben wir sehr engagierte Kollegen in der IT, die hier gezeigt haben, was alles machbar ist", lobt der RP. Vieles neu denken ist seitdem angesagt. Ein Wunsch für die mittelfristige Zukunft ist Sicht des Regierungspräsidenten ein Neubau, in dem die Gießener Liegenschaften zusammengeführt werden. Die sind derzeit an einem halben Dutzend Orten mit teils mehreren Kilometern Abstand untergebracht. "Nächstes Jahr wird das RP Gießen 40 Jahre alt. Mit 40 wird es Zeit für was Eigenes", sagt der RP grinsend, wohl wissend, dass dieses Projekt Ausdauer benötigen wird.

Die hartnäckigste Aufgabe bleibt für ihn vorerst das Werben für die Region. "Die Mischung aus ländlichem und städtischem Leben, Naturnähe, einem kulturellen und gesunden Vereinsleben sowie die zentrale Lage in Deutschland und nicht zuletzt die Überschaubarkeit - all das macht unsere Region so attraktiv." Mit der Regionalmanagement Mittelhessen GmbH und dem dazugehörigen Verein Mittelhessen, dem er vorsteht, sei er auf einem guten Weg. "Es gilt weiterhin: Wir müssen mehr über Mittelhessen reden."  © RP Gießen