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Vom virtuellen Klassenraum in die Backstube

 Mutter von vier Kindern aus Hadamar nutzt Online-Coaching, um Hobby zum Beruf zu machen . Projekt 'Frau und Beruf - virtuell wiedereinsteigen' hat im Frühjahr wieder Plätze frei

Viele Eltern betreuungspflichtiger Kinder oder Menschen, die zuhause pflegen, haben es in den letzten Corona-dominierten Monaten verstärkt erlebt: wichtige Termine müssen verschoben oder gar abgesagt werden, weil die Betreuung der Kinder oder anderer Familienangehöriger sonst nicht gewährleistet ist. Während die meisten Männer diese Erfahrung derzeit zum ersten Mal machen, ist es für viele Frauen gelebte Normalität. Sie können ihre Alltagsplanungen nur selten so umsetzen, wie sie es sich wünschen.

Jacqueline Kaziczka ist Mutter von vier Kindern. Die beiden jüngsten sind zwei und drei Jahre alt. Weil auch ihr Ehegatte berufstätig ist, erschien der gewünschte berufliche Wiedereinstieg lange Zeit unerreichbar. "Frauen in ähnlicher Situation verschieben Berufsrückkehr oft um Jahre", berichtet Ralf Fischer, Sprecher der Arbeitsagentur Limburg-Wetzlar. Manche würden es auch gar nicht mehr schaffen, auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen. Die persönlichen Folgen reichen von Selbstzweifeln über Frustration zu Resignation. Wirtschaftlich könnten sie zu erheblicher Abhängigkeit und nicht selten zu Altersarmut führen. Jacqueline Kaziczka hatte zu Beginn des letzten Jahres vom Projekt ,Frau und Beruf - virtuell wiedereinsteigen' gehört, welches das Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft (BWHW) im Auftrag der Limburger Agentur für Arbeit durchführt. Das Angebot umfasst verschiedene Coachings in Kleingruppen und Einzelsitzungen, die mit Ausnahme einiger weniger Präsenztage online im ,virtuellen Klassenzimmer' stattfinden. So können Mütter mit kleinen Kindern ebenso teilnehmen wie Hausfrauen, die zuhause Angehörige betreuen. Um jeder Frau die Teilnahme zu ermögliche, stattet das BWHW jede Teilnehmerin mit einem Laptop, einem Headset und -sofern nötig- mit einem LTE-Stick aus. Auf diese Weise können auch Interessentinnen aus ländlichen Regionen problemlos teilnehmen.

Aus Hobbybäckerin wird Konditorin
Die heute 38-jährige Hadamarerin stieg im März 2020 in das Projekt ein. Elvira Bauer-Wirtz vom BWHW erklärt, dass zunächst häufig das Selbstvertrauen der Frauen aufgebaut oder gestärkt werden müsse. Zudem heiße es, die individuellen Bewerbungsstrategien auf Person und Zielberuf auszurichten. Schnell stellte sich heraus, dass die gelernte Industriekauffrau eine begeisterte Hobbybäckerin ist. Die Bewerbung bei der Bäckerei Simon in Waldbrunn-Ellar führte bereits nach drei Tagen zu einem Praktikum. Im September wurde dann der Arbeitsvertrag als Konditorin unterzeichnet. Für Stefan Simon entwickelte sich die Zusammenarbeit mit der gebürtigen Sächsin zu einer Win-Win-Situation. "Ehrlich gesagt, war ich vor dem Praktikumsbeginn eher skeptisch", erinnert sich der Inhaber des 150 Mitarbeiter zählenden Unternehmens. "Das hat sich aber schnell geändert. Fachlich arbeitet Jacqueline -obwohl sie keine einschlägige Ausbildung hat- auf einem extrem hohen Niveau. Sie hat Talent, ist flexibel und macht ihre Arbeit ausgesprochen liebevoll."

Das Konzept des Projekts ,Frau und Beruf - virtuell wiedereinsteigen' geht nach Fischers Angaben auf. Von März 2020 bis heute nahmen 23 Frauen teil. Bereits elf Teilnehmerinnen konnten eine Beschäftigung aufnehmen und so ins Berufsleben zurückkehren. Zwei weitere stehen kurz davor, einen Arbeitsvertrag zu unterzeichnen. Im Frühjahr stehen weitere Plätze zur Verfügung. Wer ebenfalls am ,virtuellen Klassenzimmer' teilnehmen möchte, kann sich bei der Limburger Agentur für Arbeit unter der Rufnummer 06431 209521 informieren oder anmelden. ©  Agentur für Arbeit Limburg-Wetzlar