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„Vom Homeschooling bis zu digitalen Hausmeister“ – SPD diskutierte über Bildung in Zeiten der Pandemie

LIMBURG-WEILBURG. Unter dem Titel „Homeschooling – Bildung in der Krise“ diskutierte auf Einladung der SPD Limburg-Weilburg eine hochkarätig besetzte Runde online die Auswirkungen der Covid-19 Pandemie auf das heimische Schul- und Bildungswesen. Moderator Michael Uhl, Bildungspolitischer Sprecher der SPD Kreistagsfraktion und ehemaliger Schulleiter der Runkler Johann-Christian-Senckenberg-Schule, konnte neben Christoph Degen, dem Bildungspolitischen Sprecher der SPD Landtagsfraktion und Generalsekretär der SPD Hessen, weitere Schulexperten aus der Region als begrüßen. Mit dem Vorsitzenden des Kreiselternbeirates Björn Jung, Clemens Ott von der Kreisschülervertretung und Martin Engelmann von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) waren alle Perspektiven auf das Thema vertreten.
Die Zahl der durch Corona hervorgerufenen Probleme im Spannungsbogen zwischen Gesundheitsschutz und der Schule als Ort dringend notweniger sozialen Kontakte ist groß. Entsprechend vielfältig waren die Themen der Expertendiskussion, die durch Chat-Fragen aus dem Netz weiter angereichert wurde. „Im Landkreis Limburg-Weilburg wird anders als Rest des Landes bereits seit November letzten Jahres der Wechselunterricht praktiziert. Der Landkreis hat die Schulen an das Glasfasernetz angeschlossen, aber der WLAN-Ausbau in den Schulen stockt noch, ebenso wie ein durchgängiger IT-Support vor Ort. Deshalb will die SPD `digitale Hausmeister` an allen Schulen im Kreis, als Entlastung der Lehrer und Schüler bei der Nutzung und Wartung der IT-Ausstattung. Stolz sind wir als SPD im Landkreis auf unsere Berufseinstiegsbegleitung, die hessenweit einmalig durch eine Finanzierung des Landkreises möglich gemacht wird. Gerade heute ist auch die Schulsozialarbeit hilfreicher und wichtiger denn je und muss deshalb mit besonderer Priorität weiter ausgebaut werden“, fasste Michael Uhl die aktuelle Situation im Kreis Limburg-Weilburg zusammen.
Niemand habe am Anfang der Pandemie alles richtigmachen können. Das aber nach mehr als einem Jahr noch immer keine Planungssicherheit für Schüler, Familien und Lehrer gegeben sei, da Schulen durch das Kultusministerium viel zu kurzfristig über wichtige Änderungen informiert würden, sei kaum mehr nachvollziehbar, kritisierte der Landespolitiker und SPD-Bildungsexperte Christoph Degen. „Die SPD im Hessischen Landtag weist seit dem vergangenen Herbst immer wieder darauf hin, dass man das Infektionsrisiko an den Schulen nicht geringschätzen sollte. Aber nur auf Distanzunterricht mittels Homeschooling zu setzen, wie es Schwarz-Grün in Hessen getan hat, ist und bleibt falsch. Ungleiche Bedingungen beim Distanzunterricht führen auf Dauer dazu, dass Schüler abgehängt werden. Deshalb muss das Ziel sein stärker auf die Abstände in den Schulen zu achten und das Infektionsrisiko zu minimieren. Überall dort wo dies nicht möglich ist, sollte Wechselunterricht ein angstfreies Lernen ermöglichen, so wie es seit etwa einer Woche an den hessischen Grundschulen praktiziert wird“, machte Degen deutlich. Der Vorteil sei, dass Lehrer ihre Schüler so auch regelmäßig in Präsenz sehen würden und nicht ausschließlich digital. „Der Wechselunterricht muss deshalb auch auf die höheren Jahrgangsstufen ab der Klasse 7 ausgedehnt werden. Ich will das jeder Schüler regelmäßig in seine Schule kommt. Um dies möglich zu machen braucht es endlich eine Test- und Impfstrategie des Landes.“, forderte Degen. Die hessische Landesregierung habe den gesamten Herbst über das Wechselmodell abgelehnt und sei vom Vollbetrieb direkt in die Schulschließung gegangen. Der Wechselunterricht gebe allen Beteiligten in den Schulen aber mehr Planungssicherheit bei bestmöglichem Gesundheitsschutz.
Clemes Ott von der Kreisschülervertretung, der die Taunusschule in Bad Camberg besucht, berichtete das zum Schulstart nach den Weihnachtsferien an zahlreichen Schulen die Online-Programme des Landes nicht erreichbar waren und Unterricht damit faktisch nicht möglich gewesen sei. „Ich empfinde es als Privileg, dass wir im Landkreis Limburg-Weilburg bereits seit letztem Jahr den Wechselunterricht praktizieren und wir als Kreisschülervertretung haben gute Erfahrungen damit gemacht.“, bilanzierte Ott. Dennoch seien bei vielen Schülern Lernlücken durch die Pandemie entstanden. Gleichzeitig hätten Schüler sich in kurzer Zeit neue Kompetenzen im Bereich der Digitalisierung selbst aneignen müssen. „Die Kreisschülervertretung unterstützt das Ziel, dass man alle hessischen Schüler im Rahmen von Wechselunterricht wieder regelmäßig in ihre Schulen gehen lässt“, sagte der Schülervertreter.
„In den Schulen betreiben wir seit einem Jahr Frustbewältigung.“ unterstrich Martin Engelmann von der GEW Oberlahn, der als Lehrer an der Heinrich-von-Gagern-Schule in Weilburg tätig ist. Der Distanzunterricht mache niemandem Spaß und an den Schulen zeigten sich deutliche Defizite bei der Digitalisierung. An vielen Stellen klappe nur wenig und die Ausstattung mit WLAN werde erst jetzt angepackt. Ohne Eigeninitiative der Lehrer wäre Vieles in den Schulen überhaupt nicht möglich. „Ich sage ein großes Dankeschön an alle Kolleginnen und Kollegen. Viele gehen aktuell an ihre Belastungsgrenzen und das geht am Ende zu Lasten der eigenen Gesundheit.“, schilderte der Lehrer und Gewerkschaftsvertreter. Im digitalen Distanzunterricht würden leider immer mehr Schüler vom Radar verschwinden und man müsse sich sorgen, dass diese Schüler bei einer Wiederaufnahme des Präsenzunterrichtes nicht mehr mitkommen. Flächendeckende Schulsozialarbeit und IT-Support an allen Schulen koste zwar viel Geld, sei aber unverzichtbar, waren sich die Diskussionsteilnehmer einig.
„Eltern und Familien brauchen Verlässlichkeit. In Hessen musste man aber ein hin- und herspringen von Schließung zur Öffnung und umgekehrt erleben. Das Kultusministerium in Wiesbaden entscheidet nicht. Die daraus resultierende Schockstarre im Bildungssystem verhindert Planbarkeit.“, bemängelte Björn Jung, der Vorsitzende des Kreiselternbeirates. Beispielsweise habe das Kultusministerium die Frage der Maskenpflicht an den Schulen bis heute nicht klar geregelt. Die Entscheidung würde an die Schulen delegiert und diese müssten dann mit der schwierigen Situation umgehen. „Ich erlebe auf der anderen Seite ein sehr großes Engagement der Schulen, der Lehrer und der Familien, die sich alle enorme Mühe geben.“, sagte Jung.
„Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas. In den Bereichen aus denen sich das Land sich zurückgezogen hat, werden die Probleme offensichtlich. Im Bereich der technischen Ausstattung tut sich in Hessen überhaupt nur etwas, weil der Bund Geld für Endgeräte bereitgestellt hat. Das kommt aber zu spät und zu langsam.“, forderte SPD-Bildungsexperte Degen größere Anstrengungen der Landesregierung. Um Kompensationen für entstandene Lernlücken zu organisieren könne es keine Lösung sein pauschal ein Schuljahr für alle Schüler zusätzlich dran zu hängen, waren sich die Diskussionsteilnehmer einig. Die von der Landesregierung immer wieder angeführten Lerncamps in den Ferien seien zwar ein wichtiger erster Schritt, man werde aber mit einem solchen freiwilligen Angebot nicht alle Schüler erreichen. „Eine verstärkte individuelle Förderung über die nächsten zwei bis drei Schuljahre wäre aus meiner Sicht eine gute Lösung, für die es aber rasch zusätzliche Mittel an den Schulen braucht.“, so Christoph Degen.
Kein Verständnis hatte man dafür, dass das hessische Schulportal bis heute noch immer nicht voll einsatzfähig sei. Solange es von Landesseite kein funktionierendes System gebe, müssten auch andere Lösungen der Schulen weiterhin möglich bleiben. Durch klare Konzepte, Fortbildung und bessere technische Ausstattung müssten die Schulen nun tatsächlich flächendeckend krisenfest gemacht werden. Hier sei die Landesregierung gefragt endlich zu handeln.
Die gesamte Diskussion wurde aufgezeichnet und kann über den Youtube-Kanal der SPD Limburg-Weilburg weiterhin angeschaut werden. © Swen Bastian