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Sumpffetthenne – pflegeleichtes Naturdenkmal: RP-Rettungsaktion

„Wo findet man bundesweit noch eine Fläche, die solche Voraussetzungen bietet?“

Regierungspräsidium Gießen siedelt extrem seltene Sumpffetthenne wieder
in Laubach-Freienseen am Lardenbacher Weg an

Gießen/Laubach. „Das ist meine erste Pflanzaktion mit einem Hammer.“ Markus Wieden kniet auf einem felsigen Plateau im freien Feld oberhalb vom Laubacher Stadtteil Freienseen. Eine Holzkiste mit wenige Zentimeter hohen Pflanzen steht neben dem Diplom-Agraringenieur. Mit kurzen Stößen lockert er den porösen Basalt auf und setzt eine der unscheinbaren Exemplare mit ihrem roten Moos und zarten Blüten darauf. Rund 150 Mal wird er das an diesem Tag machen, der für den mittelhessischen Naturschutz ein ganz besonderer ist. Denn die Sumpffetthenne (Sedum villosum) ist vom Aussterben bedroht. Möglich gemacht hat das Regierungspräsidium Gießen die Rettungsaktion, bei der es um viel mehr geht als eine zierliche Pflanze.

Die Sumpffetthenne ist ein Phänomen: Sie kommt sowohl auf sehr feuchtem Grund zurecht, kann aber genauso großer Hitze widerstehen, da sie die Feuchtigkeit lange in ihren Blättern speichert. Das heißt, da, wo andere Pflanzen schlappmachen, geht es der Sumpffetthenne blendend. Dennoch ist sie nahezu ausgestorben und selbst an idealen Standorten wie in den Alpen oder der Rhön ist sie eine Seltenheit. „Die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Gießen hatte uns nach einem Vorstoß des Naturschutzbeirates auf diese bundesweit extrem seltene Pflanze und diesen Standort hier hingewiesen“, berichtet Sonja Heckrodt, zuständige Abteilungsleiterin im Regierungspräsidium.

Das graue Basaltplateau liegt mit seiner herrlichen Weitsicht wie ein Fremdkörper zwischen den grünen Wiesen und Feldern. Es gehört teils der Stadt Laubach, ist teils in privater Hand und blieb all die Jahre ungenutzt. 1996 war die Sumpffetthenne noch darauf zu finden, 2003 gab es schon kaum noch Spuren und danach war sie ganz verschwunden. Das Regierungspräsidium beauftragte deshalb das Büro für Landschaftsanalyse in Wetzlar von Markus Wieden damit, die Gründe für das Verschwinden zu finden und Chancen zu ermitteln, ob die Pflanze wieder angesiedelt werden kann. „Vor einigen Jahren hat die Landesregierung ein Programm zur Biodiversitätsstrategie aufgelegt, um die Artenvielfalt zu sichern“, erläutert Sonja Heckrodt weiter. Die Maßnahme kann deshalb auch aus Landesmitteln gefördert werden.

Markus Wieden fand unter anderem heraus, dass im Laufe der Jahre nicht nur immer mehr Erde das abschüssige Gelände überdeckte, es war auch wegen eines oberhalb des Areals am Lardenbacher Weg gezogenen Grabens nicht mehr feucht genug. Als Konsequenz wurde das Erdreich wieder abgetragen und eine Entwässerungsrinne im Herbst in den Lardenbacher Weg eingebaut. Dadurch ist ein trocken-magerer Hang entstanden, über den an regenreichen Tagen auch das Wasser fließen kann. „Das soll dieser seltenen Art den besten Lebensraum bieten“, sagt Corinna Vahrenkamp vom RP-Dezernat, das sich unter anderem mit Biodiversität beschäftigt.

Die RP-Mitarbeiterin hatte das Projekt „Sumpffetthenne“ betreut und vorangetrieben. Gerade mit Blick auf Artenvielfalt könne sich hier viel entwickeln, sagt sie. „Eidechsen oder Schmetterlinge können sich zum Beispiel auch hier auf dem Basalt aufwärmen.“ Ihr Dezernatsleiter Gerhard Schulze-Velmede ergänzt: „Es handelt sich hier ja um ein flächiges Naturschutzdenkmal.“ Die treppenartigen Formationen bestehen aus erstarrter Lava. Der Vogelsberg lässt grüßen. Sie bestehen aus Trapp, einem besonderen, porösen Basalt. „Wo findet man bundesweit noch eine Fläche, die solche Voraussetzungen bietet?“, fragt der Agrarfachmann Wieden. Der RP-Dezernatsleiter nickt: „Es geht uns auch darum, dieses Denkmal wiederzubeleben.“

Mit der Ansiedlung musste es auf einmal schnell gehen. „Jetzt zur Blütezeit ist der günstigste Zeitpunkt, die Pflanze auszusetzen“, berichtet Abteilungsleiterin Sonja Heckrodt in Anwesenheit von Isolde Hanak, Erste Stadträtin der Stadt Laubach, über die kurzfristig angesetzte Aktion. Mitarbeiter des Botanischen Wissenschaftsgartens der Frankfurter Goethe-Universität hatten zuvor Samen der Sumpffetthenne in Alsfeld gesammelt, angezogen und nun die Pflanzen kurzfristig übergeben.

Der kurzfristige Termin ist auch der Grund, weshalb die Initiatoren des Projekts nicht an diesem Tag dabei sein konnten. „Unsere Artenvielfalt verringert sich schleichend, aber sie verringert sich dramatisch“, sagt Dr. Christiane Schmahl, Erste Kreisbeigeordnete für den Landkreis Gießen und Naturschutz-Dezernentin, einen Tag später in ihrem Büro am Riversplatz. Deshalb sei auch der Aufwand an dieser Stelle angemessen. „Es ist ein großer Erfolg, dass mit dem Anstoß des Naturschutzbeirats und der Umsetzung durch das RP Gießen diese fast ausgestorbene Pflanze wieder angesiedelt werden konnte.“ Jede gerettete Pflanze stärke die biologische Vielfalt als Teil der Ökosysteme. „Denn die stellen Nahrung und Medikamentenwirkstoffe, sauberes Wasser, saubere Luft, fruchtbare Böden und Erholungsregionen zur Verfügung.“

Und wie geht es mit der Sumpffetthenne in Freienseen weiter? „Jetzt werden wir aufmerksam beobachten und dokumentieren, wie sich die Sumpffetthenne hier weiter entwickelt“, sagt Corinna Vahrenkamp. Im Herbst wird es noch eine zusätzliche Ansaat geben. „Weil sie nicht viel und hochwachsen kann, muss jahrelang nichts gemacht werden“, fügt Markus Wieden hinzu und sagt damit: Das Naturdenkmal ist pflegeleicht. © RP Gießen