Springe zum Inhalt

Rückgang der Unfallzahlen: im Zeichen der Corona-Pandemie

Arbeitsschützer vom RP Gießen erinnern an den Welttag für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz (Mittwoch, 28. April)
Gießen. „Waldarbeiter schwer verletzt“, „Arbeiter stürzt von Baugerüst“ oder ähnliche Schlagzeilen erinnern immer wieder daran, wie gefährlich manche Berufe sind. Daran zu erinnern, gibt es den Welttag für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz (Mittwoch, 28. April). Wie sich am Beispiel von Mittelhessen zeigt, waren die Zahlen von Unfällen im Vorjahr rückläufig. „Im Aufsichtsbezirk des Regierungspräsidiums Gießen – hier sind ca. 430.000 Menschen beschäftigt – gab es rund 2.600 meldepflichtige Arbeitsunfälle“, teilt Dr. Hilde Weigand. Sie ist Leiterin eines der drei Dezernate beim RP Gießen. Diese befinden sich in Gießen und Hadamar. Das RP Gießen ist in den fünf mittelhessischen Landkreisen zwischen Limburg und Schlitz, Münchhausen und Hungen dafür zuständig, die Einhaltung der Arbeitsschutzvorschriften zu überwachen.

„192 Unfälle waren so schwerwiegend, dass eine Vor-Ort-Untersuchung durch die Arbeitsschutz-Experten des RP Gießen erforderlich wurde“, berichtet Weigand weiter. Zum Vergleich: im Jahr 2019 waren es 244. „Glücklicherweise gab es in 2020 nur einen tödlichen Arbeitsunfall gegenüber vier im Jahr zuvor“, sagt Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich. Aber einer sei eben einer zu viel. Beim RP Gießen meldepflichtig ist ein Arbeitsunfall dann, wenn die beschäftigte Person durch einen Unfall getötet oder so verletzt wird, dass sie mehr als drei Tage arbeitsunfähig ist. Auch hier ist die Zahl der Unfälle im Vergleich zum Vorjahr gesunken. „Der Grund hierfür“, vermutet Hilde Weigand, „dürfte jedoch in erster Linie die pandemiebedingte Kurzarbeit und die große Anzahl von Beschäftigten sein, die im Homeoffice tätig sind.“

Rund 90 Prozent der tödlichen Arbeitsunfälle werden durch fünf Unfalltypen verursacht: Unfälle mit Fahrzeugen, Störungsbeseitigung, Wartung, Reparatur und Reinigung von Maschinen und Anlagen sowie Absturz von Leitern und hochgelegenen Arbeitsplätzen. „Unabhängig von Verhalten oder vermeintlichem Fehlverhalten von Beschäftigten, die zum Unfallereignis beitragen, ist immer der Unternehmer für die Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen verantwortlich“, erläutert Dezernatsleiterin Weigand. Konkret heißt das: Er muss eine Gefährdungsbeurteilung erstellen, Mitarbeiter in Hinblick auf die Unfallgefahren und sicherheitsgerechtes Verhalten unterweisen und dieses auch durch entsprechende Kontrollen überwachen. „Die Arbeitnehmer sind im Gegenzug nach erfolgter Unterweisung verpflichtet, die vom Arbeitgeber festgelegten Maßnahmen einzuhalten.“

Während sich die Unfallzahlen in den klassischen Bereichen des Arbeitsschutzes positiv entwickelt haben, gab es auf der anderen Seite einen steigenden Anteil von Infektionskrankheiten am Arbeitsplatz in Verbindung mit COVID 19. Diese Tendenz zeichnet sich im laufenden Jahr in noch weit stärkerem Maße ab. Wurden dem RP Gießen in 2020 rund 50 Unfallanzeigen wegen einer Infektion mit dem SARS-CoV-2-Erreger bzw. einer Erkrankung übermittelt, gingen alleine in den ersten drei Monaten dieses Jahres bereits 40 Anzeigen ein. Auch bundesweit gab es eine Steigerung um 90 Prozent der Anzeigen im Vergleich von 2020 zu den ersten beiden Monaten in 2021.

Das Regierungspräsidium Gießen hat auf diese Entwicklung reagiert. „Seit Beginn der Pandemie haben die Arbeitsschützer durch spezifische Überwachungsaktionen einen wichtigen Beitrag geleistet, Infektionsketten an Arbeitsplätzen zu unterbrechen“, berichtet Regierungspräsident Ullrich. Darüber hinaus sind die Bediensteten auch beratend tätig. Ziel sei dabei immer, arbeitsbedingte Erkrankungen und Arbeitsunfälle zu vermeiden und somit menschliches Leid zu verhindern.

Der Rückgang der Unfälle an mittelhessischen Arbeitsplätzen spiegelt sich auch in den deutschlandweiten Zahlen wider, wie Dezernatsleiterin Weigand weiter erläutert: „2020 wurden bundesweit mehr als 760.000 Arbeitsunfälle registriert.“ Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle damit um 12,8 Prozent gesunken. Auch bei der Zahl der bundesweit tödlich Verunglückten machte sich das positiv bemerkbar: 100 Menschen weniger als im Vorjahr verloren arbeitsbedingt ihr Leben (397 im Vergleich zu 497 im Jahr 2019). Es gibt jedoch nach wie vor große Unterschiede im Hinblick auf einzelne Berufsgruppen. Das höchste Risiko, einen Arbeitsunfall zu erleiden, trugen auch im Jahr 2020 Beschäftigte in Bauberufen wie Maurer, Zimmerleute oder Steinmetze. Ebenfalls mit einem hohen Gefährdungspotenzial arbeiten Beschäftigte in der Land- und Forstwirtschaft und im Bereich Verkehr und Logistik.

Fragen zum Thema Arbeitsschutz beantworten die RP-Experten unter Tel. 0641 303-3237.


Stichwort: Welttag für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz

Eingeführt wurde dieser Aktionstag durch die International Labour Organisation (ILO), um sichere, gesunde und menschenwürdige Arbeit zu fördern. Weltweit sind Menschen Sicherheits- und Gesundheitsrisiken durch ihre Arbeit ausgesetzt. Die ILO schätzt, dass an jedem Tag etwa 6.000 Menschen durch arbeitsbedingte Unfälle oder Krankheiten sterben. Der Welttag ist Ausgangspunkt für eine globale Kampagne zur Förderung sicherer, gesunder und menschenwürdiger Arbeitsplätze. © RP-Gießen