Springe zum Inhalt

RP: Wasserentnahmen sollten derzeit vermieden werden

Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich informiert sich über Niedrigwasser am Landespegel in der Lumda in Lollar

Gießen. Auch wenn es kurzfristig nach einer Abkühlung aussah: Die Trockenheit der vergangenen Wochen ist nicht nur an den gelblichen Rasenflächen abzulesen. Sie lässt sich auch an den insgesamt 23 Niederschlagsstation sowie 23 Pegeln belegen, die das Regierungspräsidium Gießen betreibt. Die RP-Mitarbeiter registrieren Niederschlag, Abfluss in Gewässern und Grundwasser. Demnach herrscht derzeit ein niedriger Wasserstand in mittelhessischen Flüssen und Bächen wie selten zuvor. Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich ließ sich deshalb von dem Hydrologie-Team aus der Umweltabteilung vor Ort an dem Lollarer Landespegel informieren – mit Gummistiefeln mitten in der Lumda. Passend zur aktuellen Lage geben die RP-Wasserexperten auch Verhaltenstipps zur Wasserentnahme etwa zum Bewässern des Gartens.

„Das Regierungspräsidium Gießen kümmert sich um die dauerhafte Messung der Pegelstände von Hoch- und auch Niedrigwasser zum Schutz der Bürgerinnen und Bürger“, erklärt der RP, zieht die Gummistiefel an und steigt in die Lumda. 18 Zentimeter tief ist sie noch. Nur noch 18 Zentimeter, könnte man auch sagen, denn das ist nicht viel mehr als eine Handbreit. „Seit 1960 wird hier der Pegel und die Fließgeschwindigkeit gemessen“, berichtet Dirk Wamser, Leiter des Dezernats für oberirdische Gewässer und Hochwasserschutz. Im Laufe der Jahre wurde die Messung immer präziser. Auf dem Gelände der Kläranlage befindet sich seit 1996 zum Beispiel ein sogenanntes Ombrometer. Die Niederschlagswaage misst hochauflösend und dauerhaft Niederschläge.

Mit einem überraschenden Ergebnis, wie die aktuellen Werte verraten: War der Mai mit den registrierten Niederschlägen noch nahe dem langjährigen Mittelwert, zeigten sich der Juni und der begonnene Juli von ihrer schönen, aber äußerst trockenen Seite. „Bis auf geringe Regenmengen zu Beginn des Junis wurden bis heute in Lollar kaum noch Niederschläge aufgezeichnet“, berichtet Dezernatsmitarbeiter Michael Jüngst. Der Gesamtniederschlag betrug seit Beginn des Monats Juni bis jetzt nur etwa 13 Millimeter. „Das liegt etwa 80 Prozent unter dem langjährigen Juni-Mittelwert von 61 Millimeter.“

Dieser Trend zeigt sich auch hessenweit. Der Juni 2018 war der neuntrockenste seit 1881. Auch bei den Temperaturen findet sich der Juni 2018 unter den Top-Ten der Junis: Er liegt hier auf Platz 7. „Diese geringen Niederschläge führen natürlich derzeit überall zu Niedrigwasserabflüssen in den Gewässern“, sagt Michael Jüngst. Auch am Landespegel an der Lumda in Lollar sind derzeit Ausnahmesituationen zu beobachten. An dem Pegel wird trotz der Einzugsgebietsgröße von etwa 130 Quadratkilometer in der Lumda nur noch eine Abflussmenge von ca. 250 Litern in der Sekunde gemessen. „Dieser Wert liegt schon deutlich unter dem langjährigen Mittelwert für den Monat Juli und tritt statistisch nur an zehn oder weniger Tagen im Jahr auf“, erläutert er.

Für die dauerhaft notwendige Eichung der Messeinrichtungen an den Pegeln sind solche extrem niedrigen Abflüsse wichtige Ereignisse. Kontrollmessungen sind derzeit das Hauptgeschäft des Teams von Michael Jüngst, Sören Waldeck und Hartmut Köster, die gerade dabei sind, die Fließgeschwindigkeit zu ermitteln. „Wie hier in Lollar benutzen wir moderne Sonden, aber auch traditionelle Messflügel in Form eines geeichten Propellers, um die Fließgeschwindigkeit zu messen und hieraus letztendlich den Abfluss zu berechnen“, sagt Sören Waldeck.

Die technischen Möglichkeiten dazu sind umfangreich: Mittels Magnetfeldtechnik, über Ultraschallsignale oder durch Aufzeichnen von Flügelumdrehungen werden viele einzelne Fließgeschwindigkeiten gemessen, die zusammen mit den Geometriedaten des Gewässers jeweils das Gesamtbild, nämlich den Abfluss im Gewässer, ergeben. „Der bisher am Pegel Lollar gemessene niedrigste Wert von 70 Litern in der Sekunde aus dem Juli 1976 ist zwar noch nicht erreicht, aber laut Wettervorhersage kann das durchaus noch passieren“, erklärt Sören Waldeck.

Auch an allen anderen Pegelstationen in Mittelhessen sieht die Situation ähnlich aus. Die Niederschläge der vergangenen Tage haben zwar an manchen Orten zu einem kurzzeitigen Ansteigen der Wasserstände geführt. Die sind aber meist schon wieder abgeklungen. Der mittlere Niedrigwasserabfluss ist an fast allen Messpunkten wieder erreicht oder sogar unterschritten. Dabei handelt es sich um einen statistischen Wert der Abflussmenge bezogen auf einen langjährigen Beobachtungszeitraum. „Für die Gewässer und ihre Flora und Fauna sind schon jetzt extreme Lebensbedingungen aufgetreten, die sich weiter verschärfen werden“, weiß Regierungspräsident Christoph Ullrich aus aktuellen Berichten. Fische, Kleinlebewesen, aber auch der Uferbewuchs seien zum Überleben auf jeden Tropfen Wasser angewiesen.

Der dringende Appell des Hydrologieteams lautet: Beim Gartengießen und -bewässern bitte an den Gewässerschutz denken. Wegen der aktuellen Niedrigwasserabflüsse ist bei einer Wasserentnahme – vor allem aus kleinen Bächen und Gräben – schnell eine Grenze überschritten. Wenn für die Lebewesen im oder am Gewässer nichts mehr übrigbleibt und dadurch große Schäden angerichtet werden. Dem Überleben der Gewässerbewohner sei Vorrang vor dem Bewässern von Blumen und Gemüsepflanzen einzuräumen. „Wasserentnahmen aus den Gewässern sollten daher derzeit vermieden werden“, fasst RP Ullrich den Appell zusammen.

Rein rechtlich gibt es klare Regelungen: Das Wasserhaushaltsgesetz (WHG) erlaubt Wasserentnahmen im Rahmen des sogenannten Eigentümer- und Anliegergebrauchs für den eigenen Bedarf unter anderem nur dann, wenn keine nachteilige Veränderung der Wasserbeschaffenheit, keine wesentliche Verminderung der Wasserführung sowie keine andere Beeinträchtigung des Wasserhaushalts zu erwarten sind.

„Das Grundwasser leidet noch nicht so stark unter den derzeitigen Klimabedingungen“, berichtet Michael Jüngst. Waren noch im Herbst die Grundwasserspeicher auf deutlich unterdurchschnittlichen Niveau, konnten die Vorräte durch die ergiebigen und langanhaltenden Niederschläge bis Januar wieder ausreichend gefüllt werden. „Wegen der derzeitig trockenen Witterung ist der Bodenwasserspeicher nahezu entleert, sodass die geringen Niederschläge nicht mehr versickern können.“ Sinkende Grundwasserstände und rückläufige Quellschüttungsmengen werden daher an fast allen Messstationen registriert, wenn sie sich auch noch nicht in einem besorgniserregenden Bereich befinden. © RP-Gießen