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Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich spricht mit Arndt Rosendahl

„Man muss nicht in die große weite Welt hinaus, um internationale Erfahrung zu sammeln“

Reihe „Auf eine TelKo mit…“: Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich spricht mit Arndt Rosendahl (ABICOR BINZEL) über Mittelhessen, Nachwuchs in Coronazeiten, Champions-Titel und mehr

Gießen/Buseck. 82 Prozent Exportanteil, Weltmarktführer in der Schweißtechnik, über 35 Tochtergesellschaften und in mehr als 50 Ländern präsent: Die Alexander Binzel Schweisstechnik GmbH & Co. KG unter der Dachmarke ABICOR BINZEL mit Hauptsitz in Alten-Buseck ist, wenn es um das Fügen von Metallen geht, weltweit ein Begriff. Da ist es dem Gießener Regierungspräsidenten Dr. Christoph Ullrich fast schon ein bisschen unangenehm, den Blick in seiner Reihe „Auf eine Telko mit…“ in erster Linie auf die heimische Region zu richten. Doch das ist dem kaufmännischen Leiter mehr als recht und Arndt Rosendahl beruhigt sogleich: „Kein Problem. Ich bin auch Mittelhessen-Fan.“ Noch dazu ist das Unternehmen in der Region gerade in besonderer Mission unterwegs: Denn trotz der Corona-Pandemie und des damit unweigerlich verbundenen Umsatzrückgangs sucht es neue Fachkräfte und möchte mehr jungen Menschen eine berufliche Zukunft bieten. Der Blick geht also ganz klar nach vorne. Damit gehört ABICOR BINZEL in der Krise zu den Mutmachern im Regierungsbezirk der fünf Landkreise zwischen Limburg und Schlitz, Münchhausen und Hungen.

„Unser Einzugsgebiet für die meisten Mitarbeiter ist Mittelhessen“, betont Rosendahl. Viele pendeln aus den verschiedenen Landkreisen nach Alten-Buseck – und bleiben dem Unternehmen treu. „Wir haben den Vorteil, dass wir ein internationales Umfeld bieten können und die Menschen trotzdem in ihrem Ort, ihrem Dorf bleiben können. Sprich: Man muss nicht in die große weite Welt hinaus, um zum Beispiel bei uns internationale Erfahrung zu sammeln.“ Doch es gilt, sowohl dies als auch das Unternehmen überhaupt in der Region bekannter zu machen.

Am Beispiel des international führenden Spezialisten und Technologieentwicklers für Schweiß- und Schneidtechnik mit weltweit mehr als 1200 Beschäftigten zeigt sich: Wenn man nicht unbedingt ein Produkt herstellt, das privaten Verbrauchern geläufig ist, haben Menschen das Unternehmen bei der Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz häufig nicht im Blick. „Deswegen rate ich solchen Unternehmen gerne: Sie müssen Reklame für sich machen“, sagt Ullrich. „Das ist auch der Grund, warum wir jetzt mehr Öffentlichkeitsarbeit machen“, bestätigt Arndt Rosendahl. „Wir werben in Fachzeitschriften und verkaufen unsere Produkte überwiegend an Schweißfachhändler und die wiederum an Endkunden.“ Als Unternehmen gelte es aber, eine eigene Arbeitgebermarke aufzubauen. „Wir müssen in der Region bekannter werden und zeigen, dass wir als Arbeitgeber attraktiv sind. Wir wollen natürlich auch die besten Bewerber an uns binden. Das heißt, wir müssen uns da schon gut aufstellen. Die Kandidaten sollen sagen: ,Da möchte ich arbeiten.‘ Das ist unsere Mission, unsere Aufgabe.“

Dazu beitragen sollen auch die Auszeichnungen, die das Unternehmen in den vergangenen Jahren eingeheimst hat. Zuletzt wurde ABICOR BINZEL als „Hessen Champion 2020“ in der Kategorie Weltmarktführer geehrt. „Es gibt da kein Preisgeld zu gewinnen. Wir haben uns für unsere Mitarbeiter beworben, denn sie sind es, die auch unseren internationalen Erfolg überhaupt erst möglich machen.“ Die Preise seien allerdings gleichermaßen eine Bestätigung dafür, dass das Unternehmen für gute Werte stehe und sehr erfolgreich sei. „Die mediale Aufmerksamkeit hilft schon dabei, bekannter zu werden und uns besser im Arbeitgeberumfeld positionieren zu können“, erklärt Rosendahl.

Warum das so immens wichtig ist, hatte er bereits zu Beginn des Gesprächs deutlich gemacht: Das Unternehmen braucht, besonders perspektivisch gesehen, mehr Mitarbeiter. In den nächsten zehn Jahren gehen allein am Hauptstandort in Alten-Buseck mit rund 430 Beschäftigten doppelt so viele Mitarbeiter als sonst in einem solchen Zeitraum in Rente – 160 an der Zahl. „Das sind 40 Prozent unserer Belegschaft, die bis 2030 in die Rente entlassen werden. Es ist schwer, das wieder aufzufangen. Die Mitarbeiter, die wir ersetzen müssen, sind seit 20, 30 oder 40 Jahren im Unternehmen. Dazu kommt die normale Fluktuation.“

Aus diesem Grund soll noch mehr ausgebildet werden. „Sobald unser Neubau fertig ist und wir Platz haben, werden wir das ausbauen“, kündigt der kaufmännische Leiter an. „In welchen Bereichen bilden Sie im Wesentlichen aus?“, möchte der Regierungspräsident wissen. „Da gibt es zum einen die technischen Bereiche mit Zerspanungsmechanikern, Industriemechanikern und Mechatronikern sowie dual Studierende (Studium Plus/THM)“, zählt Rosendahl auf. Und zum anderen den kaufmännischen Bereich mit Industriekaufmann und -kauffrau sowie Groß- und Außenhandelskaufleuten und wiederum Studierende dualer Studiengänge. Demnächst sollen auch IT-Fachleute ausgebildet werden.

Rosendahl kann der Corona-Krise sogar etwas Gutes abgewinnen. „Die Erkenntnisse bezüglich der Arbeit von zu Hause aus waren sehr positiv. 150 Mitarbeiter sind ins Homeoffice gewechselt und es hat einwandfrei gekappt.“ In Hinsicht auf zukünftige Arbeitsformate werde in diese Richtung sicher etwas übrigbleiben. Ebenso sollen die Videokonferenzen erhalten werden. „Auch da waren unsere Erfahrungen sehr positiv. Selbst mit 20 Personen ging das gut, was uns überrascht hat. So wird es künftig sicherlich weniger Reisen geben.“ Sogar der Zusammenhalt ist gewachsen – nicht nur innerhalb des Unternehmens. „Wir haben sehr früh angefangen, Masken über unsere Tochtergesellschaft in China zu bestellen. Als andere keine Masken mehr hatten, haben wir diese dann zum Teil gespendet oder zum Selbstkostenpreis abgegeben“, fasst Rosendahl zusammen. Was Video- und Telefonkonferenzen angeht, kann Ullrich seinem Gesprächspartner nur zustimmen. „Der Dienstreisebetrieb wird zurückgehen“, meint der Regierungspräsident. „Aber ich bin der festen Überzeugung: Gewisse Dinge gehen nur im persönlichen Kontakt.“

Bildunterschrift:
Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich und Arndt Rosendahl, kaufmännischer Leiter bei Binzel, sprechen unter anderem über Auszubildende, die Suche nach Auszubildenden und Fachkräften sowie natürlich auch Corona. Foto: RP Gießen

Stichwort: „Auf eine TelKo mit…“

Die Zeit der Corona-Pandemie hat digitale Formen der Kommunikation populär gemacht: die Telefon- und Videokonferenzen. Wo sonst der persönliche Austausch im direkten Gespräch möglich ist, müssen seit dem Frühjahr neue Wege gegangen werden – auch und besonders in der zweiten Welle der Pandemie. Dr. Christoph Ullrich hat deshalb seine Reihe „Auf eine TelKo mit…“ wieder neu aufgelegt. Aus der aktuell notwendigen Distanz stellt der Regierungspräsident über eine „Schalte“ im Gespräch Menschen aus Mittelhessen vor, die mit Ideen, Aktionen oder Positionen in der Krise andere ermutigen. © RP-Gießen