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Malerische Poesie – unbenannt vielsagend

Kreide - Stift - Grafit auf Bütten: Kunst im Krankenhaus mit Barbara Tisjé

Schichtungen – ein schlichter Titel für eine Ausstellung. Eine bewusst neutrale Bezeichnung, räumt auch die Künstlerin ein, die den so benannten, neunteiligen Bilderzyklus im Foyer des St. Vincenz-Krankenhauses Limburg ausgehängt hat: Barbara Tisjé, seit fast zwanzig Jahren Mitglied des Berufsverband Bildender Künstler (BBK) und im Katalog „Imaginäre Galerie – Zeitgenössische Künstlerinnen in Mittelhessen“ vertreten, bekannt durch einen umfangreichen Ausstellungskatalog auch im europäischen Ausland, liebt es einfach. Understatement eben, unprätentiös und ohne viel Aufhebens um die eigene Person.

Unabhängig davon hat ihre Präsentation im Vincenz-Foyer starke Ausstrahlung: die „Schichtungen – vertikal – horizontal - zentriert“ hängen bewusst auch formal getrennt in drei Gruppen, jeweils aus drei Bildern bestehend. Mit voller Absicht sei auch der Titel rein der „Prozedur des Machens“ geschuldet, sagt Tisjé. Warum? „Weil ich wollte, dass Nichts, absolut Nichts, an eventuell hilfreichen Interpretationshinweisen mit Hilfe des Titels dem Betrachter das Erkennen, das Zuweisen eines Sinns in manipulativer Art vorgibt“, so Barbara Tisjé. Die in Dresden geborene Künstlerin legt besonderen Wert darauf, gerade diesen neun Arbeiten keinen Stempel aufzudrücken: „Was ich für mich an Emotionen und Assoziationen in malerisch verschlüsselter Form in diese Bilder hineingab, das weiß allein ich und das ist allein meine Sache“, sagt sie. Der Betrachter habe die Freiheit, sich selbst einen Reim darauf zu machen. „Malen hat mit Denken nichts zu tun, denn beim Malen ist das Denken Malen. Denken ist Sprache, Registratur und hat vorher und hinterher zu erfolgen. Einstein dachte nicht, wenn er rechnete, sondern er rechnete“, zitiert sie in diesem Zusammenhang den ebenfalls in Dresden geborenen Künstler, Bildhauer und Fotographen Gerhard Richter als ihr künstlerisches Credo.

Einzig zum Herstellungsprozess lässt sich Barbara Tisjé Informationen entlocken: Kolorierte Büttenkartons, systematisch richtungsbezogen verknittert, waren mit ihren dadurch verschieden gefurchten Reliefs die Ausgangsbasis für das weitere Ausarbeiten mit farblicher Akzenten und gestalterischer Dramaturgie: „Bevor ich mit dem Ausarbeiten begann, ließ ich die Reliefs auf mich wirken, um Assoziationen und Impulse für Ideen zu bekommen.“ In den senkrechten Furchen etwa habe sie etwas von Baumrinde gesehen,  dies wiederum habe sie an einen alten Esskastanienbaum aus ihrer Kindheit erinnert. Die waagerechten Arbeiten hatten wie Wolkenfelder gewirkt: „vom Wind am Himmel und hintereinander aufgeschichtet wie Ackerfurchen, leicht, schwebend, aufsteigend…. Beim anschließenden Schaffensprozess mit Kreide, Farbstiften und anderen Mitteln habe sie sich einem Dichter ähnlich gefühlt: Malerische Poesie aus Gedanken und Gefühlen, mit ungesagten Worten und vielsagenden Bedeutungen.

Ganz anders, aber ähnlich poetisch wirkt die Auswahl von acht Zeichnungen, die Tisjé parallel zu ihren „Schichtungen“ im Vincenz ausstellt. Hier steht die Beschäftigung mit Handzeichnungen der Deutschen Romantik sowie Besuche der Kupferstichkabinette Dresden und Berlin im Vordergrund. Die ausgewählten Arbeiten aus der insgesamt 46teiligen Serie bestechen, weil sie rein handwerklich perfekt sind, fast selbst wie Kupferstiche wirkend: „Ich lege mit meinen Augen das Reale, Gesehene zeichnend auf dem Papier ab.“ Daneben gibt es noch eine zweite Variante, die „inneren Zeichnungen“, wie Barbara Tisjé sie nennt. „Hierbei schöpfe ich aus meinem Kopf, sehe sozusagen mit meinen inneren Augen auf das Zeichenpapier.“ Dabei spielen Momente eine große Rolle, Augenblicke mit jeweils spezifischer Eigenart: Spannung, Schwere, Zartheit, Melancholie oder Freude – all das verkörpere sich in der Zeichnung, so Tisjé. Phantasierte Landschaft, nennt sie dieses Oeuvre - Landschaften, die die Patienten ein wenig herausführen können aus ihrer Situation, und die gemeinsam mit den „Schichtungen“ Ruhe, Wärme und Kraft ausstrahlen. Eine Präsentation, wie sie es sich ein Krankenhaus nur wünschen kann.

Die Ausstellung von Barbara Tisjé ist noch bis einschließlich Montag, 23. Juli 2018, rund um die Uhr im Foyer des St. Vincenz-Krankenhauses zu sehen. © Nicola von Spee, Krankenhausgesellschaft St.Vincenz mbH, Limburg