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Gute Bilanz für Spezialstation und Anstieg der Patientenzahlen im Maßregelvollzug

Hadamar, 29. November 2018 / Als Bindeglied zwischen Klinik und der Bevölkerung informiert sich der Forensikbeirat regelmäßig über Entwicklungen in der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Hadamar. Die gute Zwischenbilanz der Spezialstation für Spracherwerb und Integration und die ansteigenden Patientenzahlen im hessischen Maßregelvollzug standen im Fokus des neuerlichen Treffens.

Um forensische Patienten mit keinen oder geringen Deutschkenntnissen besser behandeln zu können, richtete die forensische Klinik in Hadamar im April 2017 eine auf den Spracherwerb spezialisierte Station ein. Belegt wird sie mit Patienten aus der forensischen Klinik in Haina, die als psychisch kranke Straftäter aufgrund einer Verurteilung nach § 63 des Strafgesetzbuches (StGB) im Maßregelvollzug untergebracht sind. Klinikdirektor Ralf Wolf erläuterte dem Gremium: „Der Schwerpunkt der Station ist die Vermittlung der deutschen Sprache in verschiedenen Formen: Sowohl durch intensiven Unterricht als auch durch praktische Anwendung im klinischen Alltag.“

Wenn die Patienten ein gewisses Sprachniveau erlangt haben, werden sie nach etwa einem Jahr zurück in die Klinik nach Haina verlegt, wo sie dann an der Regelbehandlung des Maßregelvollzuges nach § 63 StGB teilnehmen können. Angestrebt wird die Sprachkompetenz A2, das bedeutet Kommunikation ist auf einfachem Niveau möglich, einfache Texte können gelesen und verstanden werden.

Wissenschaftliche Begleitung

Da das Projekt Modellcharakter hat, gab es von Anfang an eine wissenschaftliche Kooperation mit der Universität Ulm. Prof. Dr. med. Manuela Dudeck vom Lehrstuhl für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie begleitet den Behandlungsverlauf, erfasst die Ergebnisse und wertet diese aus.

Zudem wurde auch ein eigener Beirat gegründet, dem Staatssekretär Dr. Wolfgang Dippel, Vitos Geschäftsführer Reinhard Belling und Dr. Eckhardt Koch, Vitos-Konzernmigrationsbeauftragter, angehören. Das Gremium fand sich zu einer Auswertung der Ergebnisse der ersten Patientengeneration zusammen. Sie umfasste 19 Männer und drei Frauen mit zwölf verschiedenen Muttersprachen. Im Durchschnitt waren die Patienten 35,5 Jahre alt, bis auf einen litten alle an Schizophrenie. So gab es auf der Station hinsichtlich der Diagnosen ein homogenes Krankheitsbild, aber eine große Bandbreite an Delikten, Religionen und Muttersprachen. Letzteres verhinderte, dass sich eine Gegenkultur bilden konnte und förderte die Integration.
Die Patienten erhielten 20 Stunden professionellen Sprachunterricht pro Woche und der Alltag auf der Station wurde so organisiert, dass er spracherwerbsunterstützend ablief (mit Deutschlernspiel in der Morgenrunde, zahlreichen Bildkarten, Schautafeln, ausschließlich deutschem TV und deutschen Zeitschriften etc.).

Die Mitarbeiter des interdisziplinären Stationsteams erhielten verschiedene Schulungen, wie beispielsweise in interkultureller Kompetenz, Sprachvermittlung, Deeskalationstechniken und psychiatrischer Fachkompetenz. Durch einen erhöhten Personalschlüssel sind Doppelnachtwache oder Präsenz während der Deutschkurse möglich.

Gute Prognose dank positivem Zwischenergebnis

Die Auswertung der Ulmer Wissenschaftler kommt zu dem klaren Ergebnis, dass diese Patientenklientel hinsichtlich Spracherwerb und Integration durch das Spezialangebot stark profitiert. Die angestrebte Sprachentwicklung A2 wurde von allen Patienten, die bereits Lesen und Schreiben konnten, bis auf einen trotz der psychischen Erkrankung erreicht. Das Sprachniveau reicht aus für einen Therapiebeginn. Aber auch die zuvor nicht alphabetisierten Patienten konnten sich sprachlich deutlich verbessern, sie benötigen allerdings mehr Zeit als ein Jahr Sprachunterricht. Zusammengefasst ist dies ein ausgesprochen positives Zwischenergebnis und bedeutet eine gute Prognose für das Projekt.

„Wir hatten uns von einem Angebot, das sich auf den Spracherwerb konzentriert, diverse positive Effekte versprochen“, so Klinikdirektor Ralf Wolf. „Erfreulicherweise zeichnet sich entsprechend ab, dass wir Patienten gezielter in die Lage versetzen, von der Therapie profitieren zu können.“ Der Psychiater ergänzt: „Mit besserer Sprachkompetenz erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Therapie und eine kürzere Verweildauer. Zudem sind gute Sprachkenntnisse die Basis für eine gelingende Integration in die Gesellschaft nach der Entlassung.“

Belegungsanstieg in Hessen

In den letzten zwei Jahren sind die Zahlen der forensischen Patienten gestiegen. Martin Neßhold, Vitos GmbH, berichtete von der Belegungsentwicklung in allen hessischen Maßregelvollzugskliniken. Vor allem steige die Zahl der strafgerichtlich eingewiesenen  psychisch kranken Patienten nach §63 StGB, erläuterte der Leiter der Abteilung Maßregelvollzug. Daher werden derzeit Interimslösungen geschaffen, damit die Kliniken weiterhin aufnahmefähig bleiben. In Hadamar ist die Planung, vorübergehend und sukzessive nach Bedarf bis zu 13 zusätzliche Plätze zu schaffen. Dazu werden Einzelzimmer in Doppelzimmer umgewandelt, wozu kleine bauliche Veränderungen nötig sind.
Neßhold machte deutlich, dass es grundsätzlich nicht möglich sei, die Entwicklung der Belegung zu prognostizieren, da sie von den einweisenden Gerichten abhänge. Aber in enger Abstimmung mit dem Ministerium für Integration und Soziales (HMSI) erarbeite man Maßnahmen, um auf den Anstieg zu kompensieren. Perspektivisch stehen Anfang Juli nächsten Jahres nach einer Sanierung zusätzliche 20 Betten in der Außenstelle Gießen der forensischen Klinik Haina zur Verfügung. Darüber hinaus plane man im Jahr 2021 mit der Inbetriebnahme eines Neubaus am Standort Riedstadt mit weiteren 54 zusätzlichen Betten.

 Hintergrund zum Maßregelvollzug

In Hessen sind die Vitos Kliniken für forensische Psychiatrie mit dem Maßregelvollzug beauftragt.

§ 63 StGB: Menschen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung, einer geistigen Behinderung oder einer Persönlichkeitsstörung eine Straftat begangen haben, werden von einem Gutachter dahin gehend untersucht, ob sie zum Tatzeitpunkt nicht oder nur vermindert schuldfähig waren. Wenn das der Fall ist, und wenn aufgrund der Erkrankung weitere erhebliche Straftaten zu erwarten sind, weist sie das Gericht in eine Klinik für forensische Psychiatrie ein. Hier werden ihre Erkrankungen ärztlich behandelt und eine sichere Unterbringung gewährleistet.

§ 64 StGB: Suchtkranke Menschen, die straffällig geworden sind und bei denen wegen ihrer Suchterkrankung erheblich Wiederholungstaten zu erwarten sind, werden in forensische Kliniken für Suchtkranke eingewiesen. Voraussetzung ist die nötige Erfolgsaussicht der Suchttherapie. © Susanne Rosa · Vitos Weil-Lahn gemeinnützige GmbH