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Europe-Direct-Informationszentrum mit digitaler Diskussion über die Zukunft ländlicher Regionen

Gießen. Dörfer erfüllen viele Funktionen als Lebens-, Wirtschafts-, Erholungs- und Naturräume. Zuerst aber sind sie Wohn- und Arbeitsorte vieler Menschen. Damit sie das auch bleiben, müssen Angebote der Daseinsvorsorge in der Fläche erhalten bleiben. Die Digitalisierung kann das ermöglichen. Diesen Befund zum Anlass nehmend diskutierten Heinz Wilhelm Schaumann, Dozent für internationale und europäische Studien sowie Mitglied im Team Europe Rednerpool der Europäischen Kommission, und der Gießener Mark Pralle, Geschäftsführer der Fabrik19 GmbH, über die Chancen der Digitalisierung für die regionale Entwicklung innerhalb der EU.

Weite Teile Mittelhessens sind geprägt von einer ländlichen Siedlungs-, Wirtschafts- und Sozialstruktur. "Dieser Befund gilt nicht nur für unsere Region, er hat auch Bestand für ganz Europa. ,Den' ländlichen Raum gibt es aber nicht. Gerade in der europäischen Dimension sind sie sehr vielfältig", erklärt Europa-Experte Heinz Wilhelm Schaumann. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen habe mit ihrer Agenda "Eine Union, die mehr erreichen will" vor allem auch die Modernisierung dieser Strukturen in den Fokus gerückt und neben dem Green Deal vor allem die Digitalisierung als Schwerpunkt europäischer Politik auserkoren. "Es geht beim Fortschritt der Informationstechnologie nicht nur um die Frage einer vierten industriellen Revolution. Es geht auch um eine soziale Revolution. Digitale Angebote sind die Zukunft einer funktionierenden Daseinsvorsorge - gerade auch in unseren Dörfern", so Schaumann.

Mit der App "Digitale Dörfer im Landkreis Gießen" hat Mark Pralle einen ersten Aufschlag in der Region hin zum smarten Dorf gemacht. Als Entwickler unter anderem von Stadtmarketing- und Navigations-Apps hat sich sein Unternehmen einen Namen gemacht, und Pralle konnte mit seinem Team seine Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten bereits bei der Internationalen Grünen Woche in Berlin vorstellen. "Corona hat auch bei uns einiges auf den Kopf gestellt. Eigentlich wollten wir mit den Menschen in den Modell-Kommunen in Kontakt treten, um ausgehend von deren Wünschen die Handhabung und das Angebot zu entwickeln. Jetzt haben wir erst einmal ein Angebot gemacht, das die Dorfbewohner vernetzen soll, den Austausch ermöglicht und gegenseitige Hilfe fördert", sagt Pralle zur Grundidee der App. Nun sei der nächste Schritt, den Bürgerinnen und Bürgern den Zugang zu ermöglichen, um die Leistungen auf Basis der Erfahrungen weiterzuentwickeln. "Das ist aber erst einmal der Aufschlag. Wir wollen das gesamte dörfliche Leben digital erhalten. Im Moment geht es beispielsweise um Mitfahrangebote. In der Zukunft brauchen wir eine Beteiligung der regionalen Versorger, die Kommunikation mit dem Rathaus - etwa per Videochat ins Bürgerbüro - oder auch telemedizinische Angebote."

Genau darum gehe es auch der Europäischen Union, verdeutlicht Dozent Schaumann. Digitale Daseinsvorsorge sei ein wichtiger Baustein, um in Europa gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Regionen zu schaffen. Mit Blick auf die Regionalentwicklung sagt er: "Die kommende Förderperiode der EU muss darum zielgenau, die Instrumente in den Mittelpunkt stellen, die im jeweiligen Mitgliedsstaat die größten Entwicklungschancen bietet oder wo es noch Nachholbedarf gibt. Deutschland ist hier in vielerlei Hinsicht noch Entwicklungsgebiet. Die besten technischen Lösungen bringen wenig, wenn die notwendige Infrastruktur fehlt." Der Ausbau von Breitbandinfrastruktur und flächendeckendem Mobilfunk sichere Wettbewerbsfähigkeit und gesellschaftliche Teilhabe der ländlichen Räume gleichermaßen. Hier liege es auch an der EU, die erforderlichen Standards zu definieren, "damit die notwendigen Angebote in allen Mitgliedsstaaten verfügbar sind und die Systeme grenzüberschreitend interoperabel sind".

Für den Praktiker Mark Pralle sind solche offenen Standards unerlässlich, wenn die Menschen in allen Regionen Deutschlands oder Europas den gleichen Zugang zur Daseinsvorsorge haben sollen. "Mit dem Online-Zugangsgesetz haben sich in Deutschland alle staatlichen Ebenen verpflichtet, ihre wesentlichen Dienstleistungen auch auf digitalem Weg umzusetzen. Damit diese Angebote grundsätzlich untereinander kompatibel und vernetzt sind, brauchen wir auch die passenden technischen Schnittstellen." Das Service Konto Hessen sei zum Beispiel ein Angebot, das man in Dorf-Apps verknüpfen könnte. Notwendige Rechtssicherheit erfordere aber auch einen praktikablen Datenschutz und eine zweifelsfreie Authentifizierung der Bürgerinnen und Bürger im Internet. "Das alles ist im Moment vielleicht noch Zukunftsmusik. Corona hat da aber viel Geschwindigkeit reingebracht. Begreift man die Breitbandinfrastruktur und die Bereitstellung digitaler Dienstleistungen als Daseinsvorsorge, haben unsere Dörfer eine gute Zukunft als Lebens- und Arbeitsorte", ist sich Pralle sicher. © RP-Gießen