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Erster „wilder Bach“ renaturiert

Programm „100 Wilde Bäche für Hessen“: Die Dietzhölze im Gemeindegebiet von Eschenburg ist das erste abgeschlossene Projekt in Hessen

Gießen/Eschenburg. „Es gibt nur noch eine Runde Staudenknöterich zu mähen und kleinere Wässerungsarbeiten“, berichtet Dr. Julia Wollny, Landschaftsplanerin für das Planungsbüro Koch. Danach ist das erste Projekt für das Programm „100 Wilde Bäche für Hessen“ mit einer Punktlandung beendet. Auf einer Länge von 3,2 Kilometer ist die Dietzhölze in der Gemeinde Eschenburg renaturiert worden. Was dabei alles gemacht wurde, stellt sie nun zusammen mit Ingo Pfeiffer (Projektleiter Hessische Landgesellschaft mbH) während einer Besichtigung entlang des Gewässers vor.

„Der Dank geht an alle Beteiligten für die erfolgreiche, vorzeigewürdige Umsetzung dieser Maßnahme“, sagt Karin Ohm-Winter, Leiterin der Umwelt-Abteilung im Regierungspräsidium (RP) Gießen und Vertreterin für das Land Hessen. Das RP Gießen hatte zu Beginn des vergangenen Jahres bei der Gemeinde für die Teilnahme an diesem Programm geworben. Was Eschenburg auch gemacht hat, und das erfolgreich.
Mit 223.000 Euro und damit zu 85 Prozent ist die naturnahe Umgestaltung der Dietzhölze durch das Hessische Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gefördert worden. Im August hatte Umweltministerin Priska Hinz den Bescheid übergeben, im September begannen die Arbeiten.

Vom ehemaligen Klärwerk Wissenbach aus läuft die Gruppe zunächst bachabwärts. Diese besteht aus Reiner Müller (Betriebsleiter Gemeindewerke Eschenburg), Christopher Paul (Baufirma DBA Paul GmbH), Anja Frenzel und Sabrina Keuser (RP Gießen) sowie Reiner Diemel, Leiter des Dezernats für Forst und Naturschutz ebenfalls im RP Gießen. Nach einem halben Kilometer zeigt sich, wie gut es gelungen ist, die Befestigungen des Ufers und der Sohle zurückzubauen, das Gewässer naturnah zu gestalten und Wanderhindernisse etwa in Form von Wehren umzugestalten.

Wo zuvor nur ein Bachlauf war, teilt sich das Gewässer immer wieder und vereint sich nach etwa 20 Metern wieder. Der natürliche Wasserlauf und die Durchgängigkeit sind verbessert worden. Steine und Totholz lenken die Strömung entsprechend. Für Fische und Pflanzen ist der Lebensraum dadurch deutlich attraktiver geworden, besonders für bedrohte Arten wie den Eisvogel oder die Schwertlilie.

„Vorher war das hier ein gradlinig fließendes Gewässer“, erläutert Projektleiter Ingo Pfeiffer, „jetzt hat die Dietzhölze die Möglichkeit, sich auszubreiten.“ Die Hessische Landgesellschaft hat die Gemeinde Eschenburg bei der Umsetzung unterstützt. Die eigentlichen Arbeiten sind von der Baufirma DBA Paul GmbH aus Mittenaar ausgeführt worden. „Das Projekt hat unglaublich viel Spaß gemacht, es war aber auch herausfordernd“, berichtet Christopher Paul, der mit großen Baumaschinen viele Kubikmeter Erde bewegt hat. Es sei gut gewesen, dass er sich im August vor der Bewerbung die Dietzhölze angesehen habe, „als sie sehr wenig Wasser führte“.

Davon kann aktuell nach einer langen Regenphase nicht die Rede sein. „Dieses Jahr hatten wir ein sehr feuchtes Frühjahr“, sagt Julia Wollny. Das hätte für die 400 Weiden und Erlen problematisch werden können, die am Ufer entlang gepflanzt worden sind. Deren Aufgabe ist es, die sogenannten Neophyten, also nicht heimische Pflanzen, einzudämmen. Dazu gehören neben dem Riesenbärenklau auch der japanische Staudenknöterich und das aus dem Himalaya stammende Drüsige Springkraut. „Aber selbst das Hochwasser der vergangenen Tage konnte den jungen Bäumen nichts anhaben.“

Weil die Dietzhölze gleich durch zwei Naturschutzgebiete fließt, kommt der Renaturierung eine besondere Bedeutung zu. Das wird sich später auch beim sogenannten Hühnergestüt zeigen, der zweiten Station der Besichtigung. Nach Hinweis der Nabu-Ortsgruppe auf in einer Steilwand im Ort brütende Eisvögel, ist diese nun mit Totholz als Erosionsschutz gesichert worden. Der Vorteil: Fische lieben Totholz, Eisvögel lieben Fische, und Nabu-Gruppen lieben Eisvögel. „Mit dieser Lösung können wir alle Beteiligten glücklich machen“, erklärt Ingo Pfeiffer.

Die renaturierte Dietzhölze hat einen weiteren Effekt, wie Karin Ohm-Winter aus ihrem Aufgabenbereich beim RP Gießen berichtet: „Genaugenommen ist es auch eine Schutzmaßnahme gegen Hochwasser.“ Weil die Dietzhölze wieder mehr Platz bekommt, kann sie auch mehr Wasser aufnehmen, das über mehr Rückhaltefläche verfügt und noch dazu langsamer fließt. Gleichzeitig dient die Maßnahme der Anpassung an den Klimawandel, ein letzter Aspekt, den RP-Dezernatsleiter Reiner Diemel eingangs betont hatte: „Viele Dinge sind in den vergangenen Jahrzehnten besser geworden, aber den Verlust an Biodiversität und der Klimawandel sind die großen Herausforderungen.“ Das Programm „100 Wilde Bäche für Hessen“ ist ein Puzzleteil als Antwort darauf. © Regierungspräsidium Gießen