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Emotionen, großes Theater, Betroffenheit – „Müllratte“ in Niederbrechen in der Kulturhalle

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Brechen/Karben. "Müllratte", ein vielversprechender und doch fragenaufwerfender Titel für das Theaterstück, welches in Niederbrechen in der Kulturhalle aufgeführt wurde. So richtig konnte man sich nichts vorstellen darunter, die Informationen auf Flyer und im Internet machten jedoch neugierig und beklommen zugleich.

Diskriminierung, hat man selbst vielleicht schon mal einem anderen Menschen Unrecht zu teil werden lassen, sich in der Dynamik einer Gruppe mitreißen lassen, ohne für denjenigen aufzustehen und für ihn einzustehen? Oder wurde man selbst schon mal "Opfer", man konnte die Spannung im Auditorium förmlich greifen.

Vollkommen anders auch die Anordnung der Stühle, die fischgrätenartig vom Mittelgang wegzweigten, den Bühnenelementen, die mitten in den Raum von der Hauptbühne mit ihrem großen Traversenaufbau die Spielfläche verlängerten und mitten zum Zuschauer brachten.

Bescheiden im Publikum auch Tobias Biedert, Lehrer an der Schule im Emsbachtal, und sein Bandkollege, die mit ihrem Song "Kein Mensch ist illegal" und seiner Limburger Band "4 Zimmer Küche Bad 4ZKB" den Regisseuren aufgefallen waren. Ihr Song lief direkt am Anfang - es handelt sich hierbei um eine Spendenaktion der Band für Sea-Eye, die sich der Rettung von Menschenleben auf dem Mittelmeer verschrieben haben und Schiffbrüchige vor dem Ertrinken rettet bei ihrer lebensgefährlichen Überfahrt durch's Mittelmeer.
Die Theaterpädagogen Heike Englisch und Oliver Becker, die beiden Regisseure des Theaterstücks sprechen in der Begleitbroschüre von einer „großartigen Entdeckungsreise“ und die war es auch für das Publikum.
Bis zum Beginn des Stücks wurden auch die zahlreichen Sponsoren aufgezeigt, die die kostenlose Aufführung ermöglicht haben.

Gleich zu Beginn des Abends kamen alle Schauspielerinnen und Schauspieler auf die Bühne. Einer der markanten Sätze war: „Jeden Tag werden Menschen aufgrund ihrer körperlichen, geistigen und/oder psychischen Beeinträchtigung von einem selbstbestimmten Leben abgehalten“ - es folgten einige weitere knackige Kernsätze, die auf verschiedene Themen aufmerksam machten.

Hierzu stiegen die Schauspieler jeweils aus der sich auf der Bühne beliebig bewegenden Gruppe auf kleine Podeste hinauf.

"Lara"

Es bewegten sich alle – fast alle und so stand Lara, gespielt von Anja Döhler, scheinbar regungslos auf ihrem Platz und zog immer wieder die Blicke auf sich. Videoeinspieler an der Wand waren nicht weniger eindringlich. Neben einem Parkinsonpatienten gab es einen Transgender, der von seiner Geschichte erzählte und das Ensemble setzte das Statement „DU bist DU – und das ist gut so !“ Das Karbener „Open Mind Ensemble“ spielte auf Einladung des Helferkreises Villmar erzählte eine Geschichte von Ausgrenzung und Gewalt nach Motiven des Jugendbuches »Graf Müllratte« von Nicola Piesch: Hier wird der Waisenjunge Mirko, im Theaterstück das Pflegekind Lara Opfer üblen Mobbings.

Die Autorin Nicola Piesch beim Signieren ihres Buches

Die Autorin war selbst für Autogramme und Gespräche anwesend und ihre Mitmachgeschichte hatte sie als Buch dabei. Die Geschichte möge helfen, Vorurteile abzubauen, Toleranz zu zeigen, den Mut zu haben, sich auf Fremdes einzulassen und die Zivilcourage, gegen Mobbing und Gewalt einzutreten. 23 Laiendarsteller – darunter auch ein Darsteller im Rollstuhl – begeisterten das Publikum in fünf Akten.

Musik und Lichteffekte verstärken beängstigende Szenen, die direkt im Bereich des Publikums gespielt werden und wohlwollend bedrängend empfunden werden können. . Überwiegend ohne Mikrofon gespielt erreichte die Botschaft „Wir grenzen keinen aus“ das Publikum im Innersten und munterte auf, sich von alten Vorstellungen zu lösen und neuen Begegnungen Platz zu ermöglichen.

Projektgelder aus dem Förderprogramm „Demokratie leben“ des Bundes, bereitgestellt durch den Begleitausschuss von „ViDeTo“, machen die Aufführung in der Kulturhalle Niederbrechen möglich. Um „Vielfalt, Demokratie, Toleranz“ als zentrale Werte zu fördern, haben sich Brechen, Selters, Hünfelden und Bad Camberg zu einer Partnerschaft für Demokratie zusammengeschlossen. Sie unterstützen gemeinsam mit dem Landkreis Limburg-Weilburg Projekte von Jugendgruppen, Vereinen und Kirchen mit dieser Zielsetzung.

Auch der Helferkreis Villmar fühlt sich dieser Partnerschaft verbunden, setzt sich mit seiner Arbeit zur Integration von Flüchtlingen in die Gesellschaft für den Abbau von Vorurteilen, für Akzeptanz, Toleranz und friedliches Zusammenleben ein. Die erste Vorsitzende, Angelika Guidry, sagt: „Wir hoffen, mit dem Theaterstück auch viele Jugendliche ab 14 Jahren anzusprechen, weil Mobbing ein Thema in ihrem Alltag, auch in den Schulen ist.“.

Ein Stück, welches das Publikum begeisterte und noch lange nachklang und – wirkte. Ein Dankeschön an alle, die zum Gelingen dieses Abends beigetragen und die Aufführung ermöglicht haben. (Peter Ehrlich/FOTO-EHRLICH.de)