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Der „Gute Hirte“ im Hadamarer Stil

Barocke Schnitzkunst in Limburg, Lindenholzhausen, Villmar und Werschau


Zwei aktuelle Anlässe legen es nahe, sich mit dem Motiv des „Guten Hirten“ in der barocken Kunst unserer Region zu befassen. Der heutige 4. Sonntag der Osterzeit bewegt wird nach dem Tagesevangelium „Guthirtensonntag“ genannt. Zum anderen wurde (mit Blick auf dieses Datum) kürzlich in der Pfarrkirche St. Georg zu Werschau die barocke Skulptur des Guten Hirten wieder auf ihrem ursprünglichen Standort, dem Schalldeckel der Kanzel aufgestellt. Das Hirtenmotiv gründet schon im Alten Testament und konkretisiert sich als Selbstbezeichnung Jesu Christi im 10. Kapitel des Johannesevangeliums. Der Hirte mit dem verlorenen und wiedergefundenen Schaf auf den Schultern als älteste Christusdarstellung erscheint schon in den römischen Katakomben und wurde seither ein beliebtes und wiederkehrendes Motiv der christlichen Kunst. Über Jahrhunderte erscheint das Schaf über beide Schultern getragen, oft an Vorder- und Hinterläufen gehalten.

In unserer Region hat die Hadamarer Bildhauerschule im 18. Jh. eine neuartige Darstellung hervorgebracht, indem das Schaf nur auf einer Schulter des Hirten ruht und – mehr gestützt als gehalten – größere Bewegungsfreiheit erfährt. Als Erfinder dieser Ikonographie kann der Hadamarer Bildhauer Martin Volck (c.1700–n.1756) gelten, der um 1736 eine Skulptur des Guten Hirten in dieser Weise als Bekrönung des Kanzeldeckels für die Kirche St. Jakobus Lindenholzhausen fertigte. Für die 1744 erweiterte Kirche St. Georg in Werschau schnitzte ein Hadamarer Künstler eine ganz ähnliche Figur, die ebenfalls auf dem Schalldeckel der Kanzel ihren Platz fand. Ludwig Baron Döry, der die Geschichte der Hadamarer Bildhauerschule intensiv erforschte, ordnete sie ebenfalls Martin Volck zu.

Wenige Jahre danach griff Johann Theodor Thüringer (1696–1761) diese Innovation auf und schmückte den Kanzeldeckel der 1746-49 neu errichtete Kirche St. Peter und Paul in Villmar mit einer gleichartigen Skulptur, wie die Kirchenrechnungen von 1750 belegen. Thüringer bildete mit seinem Schwager Volck zeitweise eine Arbeitsgemeinschaft, u. a. für die Jesuitenkirche St. Nepomuk in Hadamar. Noch einmal verwendet Volck sein Lieblingsmotiv im Jahr 1753 für die Kanzelrückwand der Limburger Hospitalkirche St. Anna, und zwar als Relief – die hochentwickelte Reliefkunst war neben den expressiv bewegten Figuren ein Merkmal der Hadamarer Künstler.

So haben wir heute auf engstem Raum in Limburg, Lindenholzhausen, Villmar und Werschau gleich viermal den Guten Hirten im Hadamarer Stil vor Augen – schwungvoll bewegt, mit dem wiedergefundenen Schaf auf nur einer Schulter ruhend.

(C) Bernold Feuerstein


siehe auch: https://brachinaimagepress.de/werschau-wertvolle-figur-nach-48-jahren-wieder-an-ihrem-angestammten-platz