Springe zum Inhalt

Chorleiter Jürgen Faßbender aus Elz im Gespräch mit Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich

„Das ist auch ein Zeichen von Solidarität und darauf bin ich wirklich stolz“

Mutmacher-Reihe „Auf eine TelKo mit…“: Chorleiter Jürgen Faßbender aus Elz im Gespräch mit Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich über den großen Erfolg einer Benefiz-Advents-CD und virtuelle Chöre

Gießen/Elz. Stimmen erheben, um Gutes zu tun. Viele Chöre stellen sich normalerweise zum Jahresende in der Limburger Pallottinerkirche in den Dienst der guten Sache. Das 25. Benefizkonzert der Nassauischen Neuen Presse für die Leberecht-Stiftung sollte am ersten Advent stattfinden. Ein Jubiläum, das wegen der Corona-Pandemie nun ausfallen musste. Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich stellt in seiner Reihe „Auf eine Telko…“ mittelhessische Mutmacher in der Krise im Regierungsbezirk der fünf Landkreise zwischen Limburg und Schlitz, Münchhausen und Hungen vor. Chorleiter Jürgen Faßbender ist ein solcher Mutmacher. Zusammen mit seinem Kollegen Maximilian Schmitt kam er auf die Idee: Wenn die Menschen schon nicht zu dem Konzert kommen können, kommt das Konzert eben zu den Menschen. Mit 24 Chören aus der Limburger Region nahmen sie die Benefiz-CD „Der Männerchor Adventskalender“ mit 24 Advents- und Weihnachtsliedern auf.

Das Projekt ist ein großer Erfolg für alle Beteiligten: Nachdem der klingende Adventskalender frisch gepresst für zehn Euro an zentralen Stellen auslag , war sie auch schon am ersten Tag ausverkauft. Der Erlös kommt in voller Höhe der Leberecht-Stiftung und damit Kindern in Not zugute. Alleine über 1700 Vorbestellungen hatte es gegeben. „So hat jeder ein kleines Geschenk zu Weihnachten oder der Adventszeit“, motiviert Jürgen Faßbender zum Kauf. Mitte Dezember soll die Neuauflage erscheinen. Ob es nicht technisch-akustisch schwierig gewesen sei, alle Stimmen richtig auf die Tonspur zu bekommen, möchte der RP wissen. „Wir hatten einen sehr guten Tonmeister und haben versucht, ohne viele Schnitte auszukommen.“ Nur der Gesang des Moments sollte zählen – und all das mit drei Meter Distanz zueinander, wie ein gerade tief Luft holender Klangkörper. „Für Laienchöre ist das eine ganz besondere Herausforderung. Normalerweise stehen die immer relativ eng aneinander, damit sie ihren Nachbarn spüren und hören.“ Es erfordere eine ungeheure Konzentration, ein Stück trotz des enormen Abstands auf Schlag zu singen.

Die Idee zur CD kam auf, als sich abzeichnete, dass das Benefizkonzert nicht stattfinden kann. „Wir wollten nicht, dass die sozialen Projekte auf der Strecke bleiben. Wir als Chöre haben uns da immer engagiert“, berichtet er weiter, „und außerdem wollten wir mit der Aufnahme eine Motivation bieten, gemeinsam etwas Bleibendes zu schaffen.“ Mit dem Ergebnis ist er sehr zufrieden. „Dass das geklappt hat und wirklich 24 verschiedene Männerchöre mitgewirkt haben, ist auch ein Zeichen von Solidarität und darauf bin ich wirklich stolz.“

„Ich gratuliere Ihnen zu dieser kreativen Idee in einer Zeit, in der es die Chöre und Sie als Chorleiter schwer haben“, lobt RP Ullrich den Einsatz der beiden Kulturschaffenden aus Elz. In der Berichterstattung aus der Zeit vor und mit dem Virus wird die Dramatik seiner aktuellen beruflichen Lage deutlich. „Ich bin ansonsten sehr viel unterwegs im Ausland und mache sehr viele Workshops, bin weltweit in vielen Jurys oder als Gastdirigent“, berichtet Jürgen Faßbender am Bildschirm. Alleine neun Chöre leitet er. „Normalerweise habe ich einen Terminkalender, in dem kein Abend und auch kein Wochenende frei ist und jetzt ist alles auf null heruntergefahren.“

Es gibt aber auch wertvolle gesellschaftliche Loyalität: „Einige von uns Chorleitern sind gesegnet, weil die Vereine ihre Arbeit noch im Rahmen ihrer Möglichkeiten weiter finanzieren.“ Wenn aber keine Konzerte organisiert oder die Kirmes vor Ort veranstaltet werden können, mit denen sie sich über das ganze Jahr finanzieren, wenn all das wegfällt, dann fehlt auch in den Vereinskassen das Geld. Hilfsprogramme greifen bislang bei Chorleitern eher nicht. „Die Novemberhilfe könnte eine Hilfe sein.“ Wichtig wäre es aus Sicht von Jürgen Faßbender, die Vereine direkt zu unterstützen, damit deren „unglaublich wertvolle Arbeit für das Gemeinwesen“ nicht auf der Strecke bleibe. Genauso sei dies bei Künstlern und Soloselbstständigen der Fall, die nicht von Vereinen getragen werden, um nach der Corona-Pandemie weiterhin eine kulturelle Vielfalt im Land zu haben.

Regierungspräsident Ullrich beschreibt die Rolle der Gesangsvereine und Chöre deutlich tiefgreifender als ein Treffen von Menschen mit Freude am Gesang: „Das ist ja auch eine Nachrichtenbörse. Zur Probe geht man ein bisschen früher hin und bleibt danach ein bisschen länger.“ Hier finde ein wichtiger Teil des Dorflebens statt, das ja ansonsten immer weiter auseinanderdrifte. „Ich mache mir deshalb große Sorgen um die Zukunft der Gesangsvereine, weil der Nachwuchs fehlt und diese Entwicklung durch Corona verstärkt worden ist.“ Hier kann Jürgen Faßbender nur bedingt zustimmen, da seine Männerchöre recht viele junge Leute in ihren Reihen haben. „Da gibt es eigentlich kaum Nachwuchsmangel. Und es ist wunderbar zu sehen, welche Solidarität diese gemischte Altersstruktur hervorbringt, gerade in Bezug auf die Anwendung moderner Techniken.“ Allerdings treffe das nicht auf alle Chöre zu und deshalb sei es wichtig, auch ältere Sänger für die aktuellen Projekte zu gewinnen.

Denn neben dem Benefiz-CD gibt es weitere Projekte, die alle auf das engste mit dem Internet verknüpft sind. Da ist zum Beispiel der virtuelle Weihnachtschor „#zusammenSINGENzurWEIHNACHT“. „O du fröhliche“ oder „Stille Nacht“ mit einigen Tausend Stimmen, das ist das Ziel der Initiatoren. Im Frühjahr-Lockdown war ein Projekt „Zusammen singen wir stärker“ entstanden. Vor allem junge Leuten sangen über das Internet im Splitscreen-Verfahren mit fast 1000 Stimmen gemeinsam. „Dadurch ist der größte virtuelle Chor in Deutschland gebildet worden.“ Nun hat sich die Deutsche Chorjugend Partner gesucht und Jürgen Faßbender ist als musikalischer Berater dabei. „An Weihnachten wird es ziemlich still werden, weil es keine Konzerte geben wird und die Menschen auch nicht in den Kirchen singen dürfen.“ Ausgesucht wurden bekannte deutsche Weihnachtslieder, dazu ein Kompositionsauftrag vergeben, um die Lieder neu zu arrangieren: Denn „Die Stücke sollen auch für Laienchöre gut singbar sein und von der Melodie her nicht zu hoch, weil zu hohe Töne unterm Weihnachtsbaum könnten eventuell den Weihnachtsfrieden trüben.“

Wer mitmachen will, nimmt sich selbst beim Singen auf und lädt seinen Beitrag hoch. Eine professionelle Firma schneidet alles zusammen. „Es ergibt dann ein ganz großes Board, wo man dann alle singend sieht.“ Das Projekt wächst mittlerweile zu einem internationalen Vorhaben: Aus Österreich, Südtirol, Holland und aus der Schweiz haben sich Menschen schon gemeldet, um mitzusingen. „Wir gehen davon aus, dass am Ende vielleicht 5000 Menschen und mehr dabei mitmachen.“ Organisatorisch müsse das ein Kraftakt sein, vermutet der Regierungspräsident. „Das Projekt ist auf vielen Schultern verteilt, von daher läuft das sehr gut.“ Gerade ist das Team dabei, den Sängerinnen und Sängern abends Proben anzubieten, die im Umgang mit dem Medium noch unsicher sind, um zum Beispiel zu zeigen, wie das mit den Uploads funktioniert. Ein möglicher Clou ist noch offen: „Wir versuchen das an Heiligabend auch noch ins Fernsehen zu bekommen“, berichtet Jürgen Faßbender. Ob es klappt, wird im TV-Programm nachzulesen sein.

Ein weiteres Projekt ist der virtuelle Weihnachts-Männerchor, ebenfalls gemeinsam mit einem jungen Chorleiterkollegen, Sebastian Kunz, entstanden. „Dafür erstellen wir gerade die ganzen Tutorials und bauen die Internetseite.“ Sie richtet sich vor allem an die Männerchorsänger aus dem Großraum Limburg. Gesungen wird die sehr verbreitete „Hymne an die Nacht“ von Ludwig van Beethoven. „Damit auch der Sänger mit 80 Jahren, der dieses Stück vielleicht schon 50 Mal in seinem Leben gesungen hat, sich herantraut und bei dem Projekt mitmacht.“ Es gehe aktuell vor allem darum, in Kontakt zu bleiben und bestehende zu pflegen. „Dabei entstehen sehr schöne Verbindungen, dass da junge Leute ihrem Opa helfen beim aufnehmen“, sagt Jürgen Faßbender. „Das schlimmste, das passieren kann, ist, dass die Pandemie vorbei ist und es sind keine Chöre mehr da. Das wollen wir mit allen Mitteln verhindern.“

Mut macht ihm dabei die Erfahrung aus dem Lockdown im Frühjahr. „Da haben wir versucht, per Zoom-Sitzungen zumindest die Proben am Laufen zu halten.“ Eine Infrastruktur wurde aufgebaut und Wissen angeeignet. „Was mir dabei sehr gut gefallen hat, ist, dass es eine ungeheure Kreativität gab, aber auch eine ungeheure Solidarität.“ Jüngere haben den älteren Sängerinnen und Sängern geholfen, sich in einer Zoom-Sitzung einzurichten. „Das hat uns geholfen, dass die Chöre, als sie sich physisch nicht treffen konnten, zusammengeblieben sind.“ Zu normalen Probezeiten wurde virtuell Literatur vorgestellt, Komponisten berichteten über ihre Werke, Stücke wurden eingeführt und Diashows oder Filme erinnerten an vergangene Reisen. „Das waren immer interessante Dinge, um in der Diskussion und vor allem miteinander im Kontakt zu bleiben.“

Ab Juli durfte wieder gemeinschaftlich gesungen werden. „Da muss ich ein großes Kompliment an die Vorstände machen, die mit enormem Aufwand und Energie die Hygienekonzepte umgesetzt haben.“ Desinfektionsstationen, geöffnete Türen und Fenster, drei Meter Abstand zwischen den Sängern gewährleisten: „Trotzdem haben die Leute das ohne zu murren mitgemacht, um wieder gemeinsam singen zu können.“ Die Chöre hätten sich für den neuerlichen Lockdown nichts vorzuwerfen. „Wir haben im ganzen Herbst geprobt und da ist nie etwas passiert.“ Faßbenders Hoffnung ruht nun auf Ausdauer und bleibende Offenheit für Neues: „Ich glaube, dass diejenigen, die derzeit Kontakt und Gemeinschaft pflegen und die digitalen Angebote anbieten und wahrnehmen, die nicht den Kopf in den Sand stecken, auch diese schwierige Zeit gut überdauern werden.“

Weitere Informationen sind im Internet zu finden unter:
www.maennerchor-adventskalender.de
https://www.deutsche-chorjugend.de/projekte/virtueller-weihnachtschor/
https://www.weihnachtsmaennerchor.de/

Stichwort: „Auf eine TelKo mit…“

Die Zeit der Corona-Pandemie hat digitale Formen der Kommunikation populär gemacht: die Telefon- und Videokonferenzen. Wo sonst der persönliche Austausch im direkten Gespräch möglich ist, müssen seit dem Frühjahr neue Wege gegangen werden – auch und besonders in der zweiten Welle der Pandemie. Dr. Christoph Ullrich hat deshalb seine Reihe „Auf eine TelKo mit…“ wieder neu aufgelegt. Aus der aktuell notwendigen Distanz stellt der Regierungspräsident über eine „Schalte“ im Gespräch Menschen aus Mittelhessen vor, die mit Ideen, Aktionen oder Positionen in der Krise andere ermutigen. © RP-Gießen