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8. März, Weltfrauentag: Mit Voreingenommenheit aufräumen

Gudrun Preßler, Referentin beim Malteser Hilfsdienst in Limburg, hat ihren eigenen Weg gefunden, mit Stereotypen umzugehen.
Limburg. Die Frage, warum der 1975 von den Vereinten Nationen ausgerufene „Internationale Frauentag“ heute in Deutschland relevant ist, ist eine jährlich wiederkehrende. Dabei berichten Frauen auch bei uns noch immer von Stereotypen, Vorurteilen und Voreingenommenheit. "#BreakTheBias" lautet das Motto am 8. März 2022 – „Brich die Voreingenommenheit“. Dass veraltete Strukturen viele Gründe haben, davon kann Gudrun Preßler berichten. Die 37-Jährige ist erst im Februar nach zweijähriger Elternzeit an ihren Arbeitsplatz beim Malteser Hilfsdienst, einer Nichtregierungsorganisation, zurückgekehrt. Kein leichtes Unterfangen, wie sie sagt: Sie musste erst lernen, mit ihren eigenen Ansprüchen umzugehen und Anforderungen von außen zu bewältigen.

Gudrun Preßler lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im Limburger Stadtteil Lindenholzhausen. Ihre Tochter kam im Januar 2020 zur Welt – im ersten Pandemiejahr. „Unser Sohn war damals vier Jahre alt, ging in die Kita und die Umzugskisten waren so gut wie gepackt, weil wir in der Vorweihnachtszeit 2020 umgezogen sind“, erinnert sich Preßler an die stressige Zeit. Im November 2019 hatte Gudrun Preßler, die einen Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaft und einen Master in Politischer Kommunikation hat, ihre Stelle als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in der Diözesangeschäftsstelle des Malteser Hilfsdienst e.V. in Limburg an ihre Elternzeitvertretung abgegeben, um sich ganz der Familie widmen zu können.

Jetzt hat Gudrun Preßler ihre Arbeit wieder aufgenommen, „in Teilzeit“, wie sie sagt, „denn Vollzeit schaffe ich nicht mehr.“ Weniger Arbeitsstunden – weniger Geld. „Dafür sind Verantwortung und Arbeitspensum geblieben“, schmunzelt die Kommunikationsfachfrau. Geändert hat sich dagegen ihr Aufgabenfeld, denn ihre Elternzeitvertretung ist geblieben, hat Preßlers alten Job übernommen. Heute ist Preßlers Schwerpunkt das Fundraising – die Werbung von Geld- und Sachspenden. „Ohne professionelle Mittelbeschaffung von Geld- und Sachspenden können Nichtregierungsorganisationen wie die Malteser nicht überleben“, erklärt Preßler. „Zudem ist der Malteser Hilfsdienst eine Ehrenamtsorganisation: Ohne die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die neben Beruf und Familie ihre Zeit spenden, könnten wir unserem Hilfsauftrag nicht nachkommen. Auch Ehrenamtliche müssen geworben werden.“ Viel Verantwortung für eine Teilzeitkraft. „Und Flexibilität“, ergänzt die Referentin, „denn plötzliche Krisen, wie jetzt der Krieg in der Ukraine, werfen in der Kommunikationsabteilung den Arbeitsalltag um, weil wir über die Einsätze der Malteser transparent berichten wollen und Geldspenden für schnelle Hilfe brauchen.“ Da gelte es einen kühlen Kopf zu bewahren, „aber auch Unterstützung bei der Kinderbetreuung einzufordern“.

Privates Umfeld gibt Rückhalt

Dafür, dass bei Familie Preßler der Alltag rund läuft, seien sie und ihr Mann beide verantwortlich, betont die Fundraiserin. „Wir stimmen gemeinsam ab, wer sich wann und wie um die Kinder kümmert, schmeißen den Haushalt und kommen im pandemiebedingten Homeoffice klar.“ Ohne „Omas und Opas, Tanten und Onkel aber auch Freunde, die in der gleichen Situation sind und mit denen wir uns die Kinderbetreuung teilen“ ginge das nicht. Dabei habe sie erst lernen müssen, Hilfe einzufordern und auch, ihre eigenen Anforderungen an sich selbst zu bewältigen.

„Ich erlebe es so, dass Druck ausgeübt wird oder ich diesen empfinde, sei es gewollt oder ungewollt – und das von vielen Seiten“, gibt Preßler zu. „In erster Linie ist es bei mir persönlich: Den eigenen Anspruch abzulegen, an vorher Geleistetes anzuknüpfen und möglichst in Teilzeit das zu leisten, was ich vorher in Vollzeit geschafft habe, das musste ich mir nach der ersten Elternzeit erst erarbeiten.“ Man wolle für alle erreichbar sein, Anfragen schnellstmöglich beantworten und stelle dann fest, dass das nicht möglich sei. „Das erzeugt Druck und das ungute Gefühl, nicht sein Bestes zu geben.“ Andererseits seien es die Erwartungen von Kollegen, die einen von vor der Elternzeit kennen und sich erst auf eine eingeschränkte Erreichbarkeit und Arbeitskapazität einstellen müssten. „Hinzu kommt für mich aber auch der gefühlte Druck von außen: man kennt viele Mütter in der gleichen Situation, die schon viel früher wieder ins Berufsleben eingestiegen sind und es sogar schaffen, sich ehrenamtlich zu engagieren und ebenso viele, die sich mehr Zeit für die Betreuung nehmen – und fragt sich, was ist nun das Richtige und ob man den Bedürfnissen seiner Kinder gerecht wird.“ Ihre Erfahrungen aus der ersten Elternzeit helfen Preßler dabei, sich heute gut zu organisieren und auf sich selbst zu achten.

Eigenen Weg finden, statt auf anderen zu achten

„Ich habe mich davon gelöst, mich an anderen zu orientieren, sondern versucht, meinen eigenen Weg zu finden. Das heißt, ich habe für mich überlegt, wann habe ich ein gutes Gefühl, mein Kind in die Kita zu schicken. Dieses Gefühl ist bei jedem anders, so wie auch die Kinder völlig verschieden sind und sich jedes in seinem Tempo entwickelt. Für mich war es nach zwei Jahren Zeit, mich wieder Erwachsenenthemen zu widmen und für meine Jüngste war es Zeit, mit Gleichaltrigen zusammen zu sein und eigene Erfahrungen außerhalb des geschützten familiären Umfeldes zu machen. Diese Rückmeldung erhalte ich auch von ihren Erziehern und ich sehe, wie meine Tochter das genießt und ihre Fähigkeiten und Persönlichkeit sich dadurch weiterentwickeln.“

Nichtsdestotrotz bleibe es eine Herausforderung, Arbeitszeit, Haushalt und Kinderbetreuung „gerade auch unter Corona-Bedingungen mit regelmäßigen Kitaschließungen und Quarantänezeiten“ unter einen Hut zu bringen. „Hier werde ich noch meine Erfahrungen machen müssen, gerade vor dem Hintergrund, dass unser Großer dieses Jahr eingeschult wird und Corona vieles Unvorhersehbar macht.“ Grundsätzlich sieht sich Gudrun Preßler gut gewappnet für die Zukunft, denn neben ihrer Familie gebe ihr auch ihr Arbeitgeber die Freiräume und die technische Ausstattung, die sie braucht, um ihre Arbeitszeit flexibel zu gestalten.
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Gudrun Preßler, Jahrgang 1984, arbeitet seit 2013 beim Malteser Hilfsdienst e.V. in Limburg, bis 2016 in Vollzeit, nach ihrer ersten Elternzeit seit 2017 in Teilzeit. Zunächst Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, hat sie nach ihrer zweiten Elternzeit im Februar 2022 das Referat für Fundraising übernommen. Hier kann sie ihre Kenntnisse aus dem Studium der Politik- und Kommunikationswissenschaft, der Arbeit als crossmedialer volontierter Journalistin sowie einer durch die Malteser finanzierte Fundraising-Ausbildung einfließen lassen. Gudrun Preßler lebt mit ihrer Familie in Lindenholzhausen. © Malteser.org
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