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70 Jahre Schuman-Plan – 70 Jahre Europa

Vortragsspezialist Ingo Espenschied gewährt einen Blick auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der EU

Gießen. Es war eine andere Atmosphäre als in den Jahren zuvor. Kein Popcorn, keine Kinosessel und keine große Bühne. Stattdessen luden das Europe-Direct-Informationszentrum Gießen und die Hessische Landeszentrale für politische Bildung zu einem besonderen Multimediavortrag ins Internet ein. Zahlreiche Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Europafreunde und Interessierte saßen vor ihren Bildschirmen und folgten dem renommierten Politologen und Vortragsprofi Ingo Espenschied auf eine Zeitreise zu den Wurzeln Europas.

Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich lässt sich entsprechend der aktuellen Gegebenheiten in einem Videogrußwort zuschalten, um die große Bedeutung des Friedensprojekts Europa herauszustellen: "70 Jahre Europa bedeuten 70 Jahre Friede, Wohlstand und Sicherheit. Jede Generation muss aufs Neue diese Werte verteidigen, die uns in der EU verbinden. Aus der Vergangenheit haben wir gelernt, um unsere Zukunft zu gestalten."

"Besonderen Anlass bietet uns in diesem Jahr die Vorstellung des Friedensplans des französischen Außenministers Robert Schuman im Jahr 1950", nimmt Espenschied diesen Apell im Übergang zu einer spannenden Multimedia-Inszenierung auf. "Wer war Robert Schuman und wo kam er her? Was hat ihn geprägt und wie gewann er bedeutende Partner wie Konrad Adenauer?" Spannende Fragen mit teils unbekannten Antworten, erläutert Espenschied: "Robert Schuman war Europäer. Kein Franzose im eigentlichen Sinn. Er stammte aus Lothringen, das damals zu Deutschland gehörte. Der Vater war Lothringer und die Mutter Luxemburgerin. Sein Leben war geprägt von sowohl deutschen als auch französischen Einflüssen." Ein Glücksfall der Geschichte war sicherlich auch, dass sein Plan beim deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer auf fruchtbaren Boden viel. Denn der Rheinländer war vor dem Krieg Kölner Oberbürgermeister und den Franzosen so auch nahestehend.

Ein stetiger Wechsel von Vortrag, historischen Filmbeiträgen und einem inhaltlich anspruchsvollen Chat mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern fesselt. "Der Grundgedanke des Plans war, die kriegs- und industrierelevanten Güter Kohle und Stahl zukünftig gemeinsam zu verwalten und so eine Verzahnung nationaler Wirtschaftssysteme zu erreichen, die einen weiteren Krieg unmöglich machen sollten", erklärt Espenschied den ursprünglich von Jean Monnet stammenden Ansatz. "Es bedurfte aber eines Politikers, der nicht nur den Mut hat einen solchen Plan nur fünf Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs vorzutragen, sondern ihn auch durchzusetzen. Das war Robert Schuman."

Es sollte kein Jahr dauern, bis aus dem Plan ein internationaler Vertrag unter Beteiligung von Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, Niederlande und Luxemburgs entstand. Die Welt sah erstmals eine supra-, also überstaatliche Organisation: Ein Erfolgsmodell für den Wiederaufbau der europäischen Nachkriegswirtschaft. Der Erfolg macht attraktiv. Immer mehr Staaten nehmen teil, immer breiter wird die Zuständigkeit. Über die Zusammenarbeit in Atomfragen und eine gemeinsame Wirtschaftspolitik entsteht das, was wir heute als Europäische Union bezeichnen. "Der Verlauf der europäischen Integration war nicht geradlinig, geprägt vom Auf und Ab. Internationale Krisen schlagen sich in der Zustimmung zu Europa nieder. Das sehen wir gerade auch heute", verdeutlicht Ingo Espenschied.

Umso wichtiger ist es, sich im Klaren darüber zu sein, dass Europa nur eine gemeinsame Zukunft hat. Denn: Was 80 Millionen Deutsche wollen, hat in der Welt weniger Gewicht als der Wille von rund 450 Millionen Europäern. © RP-Gießen