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1250-Jahrfeier: Vortrag zu Brachina von Dr. Waldecker

Als Brachina werden Niederbrechen und Oberbrechen im Jahr 772 erstmals schriftlich erwähnt, ebenso wie Niederselters und Oberselters als Saltrissa, Lindenholzhausen als Holthusen, Ahlbach, Barmbach und weitere Ortschaften in den näheren und weiteren Umgebung. In diese Zeit führte der Vortrag des Limburger Stadtarchivars Dr. Christoph Waldecker zum Auftakt der Veranstaltungsreihe zur 1250-Jahr-Feier von Niederbrechen und Oberbrechen in der Kulturhalle in Niederbrechen. Unter dem Thema „Die Region Limburg im frühen Mittelalter“ beleuchtete Dr. Waldecker die politischen, wirtschaftlichen, religiösen und gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit.

„Im Namen Christi“ schenkte die Adlige Rachild aus dem Geschlecht der Rupertiner „am 12. August im 4. Jahr König Karls dem hl. Martyrer Nazarius, dessen Leib im Kloster Lorsch, dem der ehrwürdige Gundelandus als Abt vorsteht, ruht“, was sie im Lahngau … „in brachina“ und weiteren Ortschaften besaß, samt 44 Leibeigenen. Ausdrücklich verfügte sie, die Schenkung solle für immer gültig sein. Erwähnt wird Brachina auch 784 in einem Verzeichnis der zum Kloster Lorsch gehörenden Güter. Durch diese und andere Schenkungen wurde Lorsch zu einem sehr reichen Kloster, von dem gesagt wurde, sein Abt könne von den Alpen bis zur Nordsee auf eigenem Territorium wandeln. Die Reliquie des heiligen Nazarius war ein Geschenk des Papstes. Die Originalurkunde sei, wie Dr. Waldecker ausführte, nicht überliefert, sondern eine Abschrift in einem sogenannten Kopialbuch, in dem die Besitztümer des Klosters aufgeführt sind. Dadurch könne eine Fälschung ausgeschlossen werden.

Die in der Schenkungsurkunde genannten Orte zeugten, wie auch die zahlreichen archäologischen Funde, von einer jahrtausendelangen durchgehenden Besiedlung des hiesigen Raums, erklärte Dr. Waldecker. Die frühesten Zeugnisse seien auf das Ende der Altsteinzeit zu datieren, also rund 100000 Jahre alt. Die Ersterwähnung Brechens und der anderen Orte falle in die Zeit der frühen Karolinger. Um diese Zeit sei die Region schon christianisiert. Keimzellen der Ausbreitung des Christentums in dem Gebiet beiderseits der Lahn seien Urpfarreien wie Dietkirchen und Bergen gewesen. Wahrscheinlich sei die christliche Erschließung hier eher von Mainz ausgegangen, als wie gemeinhin angenommen von Trier, wenn auch unter dessen Mitwirkung. Mit den Reliquien des heiligen Lubentius, die Erzbischof Hetti vor 841 nach Dietkirchen schaffen ließ, habe Trier sich aber ein geistliches Zentrum und einen Stützpunkt im Limburger Becken geschaffen.
Ein weiteres Indiz für das Trierer Wirken sah Dr. Waldecker in dem Patrozinium der Niederbrechener Kirche, die dem heiligen Trierer Bischof Maximin in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts geweiht ist. Das ursprüngliche Martins-Patronzinium der Berger Kirche verweise dagegen auf Mainz.

Nur schwer zu fassen sei mangels fehlender schriftlicher Quellen das alltägliche Leben im Goldenen Grund, so Dr. Waldecker. Ohnehin schenke die Geschichtswissenschaft diesem Bereich erst seit wenigen Jahrzehnten Aufmerksamkeit. Informationen lieferten zumeist Rechtstexte und oft auch Legenden. Überholt sei glücklicherweise die Ansicht, das Mittelalter sei eine dunkle Zeit der Rechtlosigkeit und Anarchie gewesen. Bereits zur Zeit der Völkerwanderung habe es eine Anzahl rechtlicher Bestimmungen geben, Richtschnur für Volk und Obrigkeit dessen, was erlaubt und was verboten war, und welche Rechte und Pflichten es gab. Seit der Mitte des fünften Jahrhunderts seien die vorher zumeist mündlich verbreiteten Rechtsbestimmungen niedergeschrieben worden. Eines der ältesten Gesetzeswerke sei die Lex Salica aus dem Herrschaftsbereich der Franken.

Das Alltagsleben der Menschen in der Karolingerzeit wurde vom Angst vor dem Hunger bestimmt, denn weil es, anders als im römischen Reich, keine Nahrungsmittelimporte gab, musste der Bedarf aus dem eigenen Land gedeckt werden, wie Dr. Waldecker erläuterte. Die übergroße Mehrzahl der Bevölkerung, neun von zehn Bewohnern des Frankenreichs, war in der Landwirtschaft beschäftigt, als freie Bauern bis zu Sklaven. Bei den 772 getätigten Schenkungen dürfte es sich nach Einschätzung Dr. Waldeckers eher um kleinere Einheiten gehandelt habe, aber doch genug, um sie als Fernbesitz für das Kloster Lorsch interessant zu machen. Mit 44 Hörigen seien es, wie der Historiker Dr. Hellmuth Gensicke berechnet hatte, höchstens 22 Familien in acht Orten gewesen, in den einzelnen Orten nur zwei bis drei Familien. Aber neben der Landwirtschaft habe es eine große berufliche Differenzierung gegeben, wie ein Kapitular Karls des Großen vom Ende des achten Jahrhunderts bezeuge. Darin würden unter anderem Schmiede, Schuster, Drechsler, Stellmacher, Schildmacher, Fischer, Falkner, Bäcker und „sonstige Dienstleute deren Aufzählung zu umständlich wäre“, genannt.

Als weitere Quelle zum Alltagsleben nannte Dr. Waldecker die Bußbücher, die irische Missionare mit auf den Kontinent brachten. Darin wurden die Sünden aufgelistet, nach denen der Beichtvater seine Schäfchen befragen sollte. Diese zum Teil so drastischen und detaillierten Beschreibungen veranlassten allerdings den Bischof von Orléans, Theodulf, Ende des achten Jahrhunderts zu der Warnung, der Priester solle nicht über alles befragen, was in den Bußbüchern stehe, damit der Beichtende nach der Beichte nicht einem Laster verfalle, das er vorher gar nicht gekannt habe. Auch mit der Bekämpfung von „Querdenkern“ , Verschwörungstheorien und Aberglauben mussten sich die frühmittelalterlichen Obrigkeiten befassen. Und zur Bekämpfung von Pandemien wie Pest oder Aussatz seien damals schon Ausgangs- und Kontaktsperren verhängt worden, und ohne Genehmigung durften keine Reisen unternommen werden, konstatierte Dr. Waldecker.

Unter den besonderen Ereignisse des Jahres 772 von großer Bedeutung für die Folgezeit nannte Dr. Waldecker die Erhebung des Klosters Lorsch zur Reichsabtei, die ihm Immunität mit eigener Gerichtsbarkeit und selbständiger Verwaltung sicherte, was seine positive Entwicklung in starkem Maße förderte. Außerdem nahm 772 der Krieg gegen die Sachsen seinen Anfang, der mehr als 30 Jahre lang die Politik Karls des Großen bestimmte. Begonnen worden sei er, wie die historischen Quellen nahelegten, mit dem bis heute üblichen Muster zur Begründung eines Krieges: die Gegenseite hat zuerst angegriffen bzw. den eigenen Angriff provoziert.

Als einen passenden und dem historischen Ereignis angemessenen Einstieg in das Jubiläumsjahr und die Veranstaltungsreihe zur 1250-Jahr-Feier von Niederbrechen und Oberbrechen würdigte Bürgermeister Frank Groos den Vortrag des Limburger Stadtarchivars zur Geschichte des heimischen Raums im frühen Mittelalter. Er dankte dem Referenten und den Organisatoren und Mitwirkenden, allen voran Gregor Beinrucker sowie Markus Hoffmann, Dagmar Trost-Stricker, Jürgen Scherer und Jonas Partsch, die eine Live-Übertragung via Youtube im Internet ermöglichten. Dort ist der Vortrag auch unter https://youtu.be/yHqg4vEpbDY abrufbar. 

 

© Ursula Königstein